
Der Moment, in dem mein Kopf die eiskalte Wasseroberfläche durchbricht. Mein gesamter Körper ist angespannt, mein Atem stockt und trotzdem schwebe ich zwischen Schmerz und Euphorie. Ich tauche wieder auf, sauge die – im Vergleich zum Wasser – warme Luft ein. Und schwimme noch 3-4 Züge. Ich kann die Energie nicht zurückhalten und pruste sie in einem tiefen Ton aus meinem Körper. Wendung um 180 Grad, wieder 3 Züge und dann stehe ich abrupt auf. Nur noch meine Beine stehen im Wasser, doch mein ganzer Körper ist erfüllt von diesem Prickeln. Ich schreite mit ausladenden Bewegungen in Richtung Ufer. Der Wind packt meinen Körper und es schüttelt mich. Endlich am Ufer und doch ein bisschen traurig, dass es schon wieder vorbei ist. Badeanzug aus, ab ins Handtuch und die Wärme geniessen. Mit nackten Füssen in den Blättern aus dem letzten Herbst. Herrlich.

Eisbaden ist mein neues Montagshobby. Da habe ich nämlich frei und kann gleich, nachdem ich Mala bei ihrer reizenden Tagesmutti abgeliefert habe, in den See waten. Heute war der erste Tag, an dem die Sonne da war. Geregnet und geschneit hat es auch schon. Aber ich muss zugeben: ich liebe die Witterung auf meiner Haut. Inspiriert hat mich eine Erfahrung, die ich beim Wanderausflug mit einer Familiengruppe des DAV (Deutscher Alpenverein) gemacht habe. Am Ende der wunderbaren Runde mit den «Schneehasen», hatten wir einen kurzen Aufenthalt in Radolfzell. Wer das hübsche Städtchen schonmal besucht hat, weiss, dass der Bahnhof direkt am Ufer des Sees liegt. Es war einer dieser Sonntagabende im Frühjahr, an denen die Sonne zum ersten Mal den Abend bescheint. Überall Jugendliche, Familien, turtelnde Pärchen, ältere Menschen, die den Abend ausklingen lassen. Da schleicht sich ein spitzbübisches Lächeln auf das Gesicht von Patricia, einer der Mamis in der Runde. «Also ich muss da jetzt rein!» Sie beginnt sich ausziehen und ich fühle, wie ich es ihr gerne gleichtun würde, aber doch ein wenig Respekt vor den vielen Menschen um uns herum habe. Patricia ist inzwischen splitternackt und rennt in den See. Ich halte Mala und ihre Tochter davon ab sich auch auszuziehen. Als Patricia zurück ist, zieht ihr Mann blank und rennt der tief stehenden Sonne entgegen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich meine Entscheidung getroffen und fange an mich auszuziehen.
Patrik ist inzwischen zurück und neben mir taucht ein fremder Mann auf. Er spricht nur Hermann an: «Bruder, das kannst du nicht machen! Hier sind Frauen, meine Tochter! Du kannst nicht einfach dein Ding zeigen!» Ich lausche dem Ganzen, während ich mich direkt neben dem Mann ausziehe. Hermann und Patricia geben in ruhigem Ton zurück: «Da ist doch nichts Schlimmes dabei.» Das sieht der Mann neben uns anders. Ich fühle mich trotz meiner Nacktheit dazu verleitet zur Diskussion beizutragen: «Weisst du, hier darf man das. Ob es die gefällt oder nicht.»
Retrospektive: Dabei denke ich an die Situation als Daniel auf unserer Reise von einem Iraner darauf angesprochen worden ist, dass er keine langen Hosen an hat. Es war derselbe Satz: «Hier sind Frauen, meine Schwestern, meine Töchter. Da kannst du nicht deine nackten Waden zeigen.»
Der fremde Mann versucht mich so gut wie er kann zu ignorieren und ich beginne in Richtung Wasser zu laufen. Mala schreit mir noch hinterher: «Wiiiiiiiilll aaaaaauch miiiiiit!» Ich werfe ihr ein kurzes «Mami ist gleich wieder da!» zu und kann sicher sein, dass Patricia sie daran hindern wird mir ins Wasser hinterherzusteigen. Ich renne also los, lasse mich ins Wasse fallen, geniesse das Kribbeln, stehe wieder auf, renne zurück. Der Mann ist immernoch da und versucht mich nicht anzusehen. Ich beginne mich wieder anzuziehen. Da kommt eine ältere Frau auf unsere Gruppe zu und keift bereits von Weitem: «Lass die Leute doch. Die tun doch Niemandem was!» Der Mann ist ein wenig perplex. Hermann hat inzwischen seinen Ausweis herausgeholt und hält ihn dem Fremden hin und sagt ruhig: «Zeig mich gerne an.» Die Frau wird immer beleidigender in ihren Worten und ich kann nur denken: Warum haben wir so wenig Verständnis füreinander? Warum keift sie ihn an, obwohl er seinen Standpunkt ganz normal vorgetragen hat? Warum nutzt sie diesen Moment, um einfach mal einen Ausländer dumm anzumachen? Ich überlege kurz dazwischen zu gehen, doch dann lässt sie von ihm ab. Er geht zurück zu seiner Familie. Wir packen unser Zeug und rennen zu unserem Zug, den wir gerade so bekommen.
Ich muss an die Szene denken, als so langsam die Wahlplakate für die Landtagswahl in Baden-Württemberg die Strassen säumen. Auch die der AfD. Die Fremdenhass schüren. Die so tun, als würden Ausländer uns etwas wegnehmen und mit keinem Wort erwähnen, dass sie all die Arbeit machen, für die sich dich meisten Deutschen zu gut sind. Und wieder frage ich mich: Was können wir tun, um als Gesellschaft nicht zu zerbrechen? Einfach in der Mitte durch. Und Gräben schaffen, die wir nie wieder überwinden können und die uns nahe an den Rand von etwas bringen, von dem ich nie gedacht hätte, dass wir auch nur in die Nähe davon kommen: Nationalsozialismus. Diktatur. Massenmord.
Was gibt es für Formate, in denen wir wieder in einen Austausch anstatt in ein gegenseitiges Anbrüllen kommen? Wo sind unsere Gemeinsamkeiten, die uns, wenn auch nur kurz, verbinden? Für so lange, dass wir uns nur ein wenig in den anderen Versetzen können.
Ganz ehrlich: ich habe die Ansicht des fremden Mannes verstanden. Ich halte sie nicht für richtig. Aber ich verstehe, wo sie herkommt. Wie sie sich anfühlen muss. Dagegen fühle ich keinerlei Emphatie für die Frau. Interessante Erkenntnis.
Also Leute, ihr wisst jetzt, was kommt: Geht wählen. Und wenn du AfD wählen willst, dann würde ich mich gerne auf einen Kaffee mit dir treffen. Ohne Agenda, ohne dich überzeugen zu wollen. Aber voller Interesse dafür, warum du diese Entscheidung getroffen hast. Lass mich lernen.
Oder wir gehen gemeinsam Eisbaden – wenn du dich traust😉
































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