Verbundenheit, wo bist du?

Das lezte Jahr war ein Schweres. Nicht nur für mich persönlich, sondern auch für die Menschen auf der ganzen Welt. Doch sollten wir angesichts wachsender Krisen nicht zusammenstehen, anstatt gegeneinander zu arbeiten? Ein Jahresrückblick und ein hoffentlich positives Manifest für die Zukunft.

Ich lerne ja seit neustem Persisch, weil es die Muttersprache des Mannes ist, den ich liebe. Ich habe eine wundervolle Privatlehrerin an der VHS Konstanz und darf jeden Montag eine Stunde mit ihr verbringen. So auch vor ein paar Wochen. Als ich auf den Münsterplatz trete, sehe ich diesen Baum, vollgehängt mit Gesichtern. Schönen Gesichtern, mit Mandelaugen. Männer, Frauen, ein paar Kinder sind auch darunter. Es ist das Mahnmal für die im Iran ermordeten Menschen. Ein paar haben es gewagt zu demonstrieren, im vollen Bewusstsein, dass sie dafür getötet werden können. Ein paar haben ihre Kopftücher nicht getragen und dafür wurde ihnen der Schädel eingeschlagen von der brutalen Polizei im Iran. Und ein paar, vor allen die Kinder, waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Es macht mich wütend, traurig, betroffen, rasend, dass diese Menschen sterben mussten, weil sie für etwas gekämpft haben, das für uns hier ganz selbstverständlich erscheint: Freiheit.

Aber ist es wirklich so selbstverständlich? Wenn ich den Deutschlandfunk höre oder das Interview mit Andreas Speit dann läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Die sogenannten “Reichsbürger” waren für mich bis anhin eine Truppe von Spinnern, die tatsächlich glauben, sie könnten die Infrastruktur einer Demokratie nutzen, die sie nicht anerkennen. Mit dem was im Interview gesagt wird und mit der Tatsache, dass von Richter*innen über Kripo-Beamt*innen und Bundeswehr-Beschäftigten alles zu den Reichsbürgern gehören kann, ändert sich meine Sichtweise. Nicht nur, dass ich von der neunten bis zur 11-ten Klasse gefühlt nur erschreckende Bilder von KZs in Geschichte gesehen habe, ich habe auch wirklich daran geglaubt, dass wir aus dieser Greuel gelernt hätten. Wer kommt den auf die Idee eine Menschengruppe aufgrund ihres Glaubens zu verfolgen? Erschliesst sich mir nicht. Trotzdem sehe ich mit entsetzen, dass immer mehr Menschen unzufrieden sind mit der Staatsform in Deutschland. Das verwundert mich. Weil ich habe ganz andere Staatsformen erlebt auf meinen Reisen und ich halte unsere für halbwegs funktionstüchtig – auch wenn nicht alles erste Sahne ist. Und ich muss natürlich mal wieder sticheln: ich denke, wer sich in Deutschland jetzt darüber echauffiert, dass die Gaspreise steigen, dem muss ich sagen: du bist blöd. Ist ja nicht so, dass wir schon länger von russischem Gas abhängig gewesen wären und dass alle, die sich mit erneuerbaren Energien beschäftigen, immer wieder darauf hinweisen, dass dies die einzige Möglichkeit ist, autark zu leben. Unabhängig von dem, was den Autokraten dieser Welt grad mal wieder im Hirn rumspuckt. Sauber und nicht enkelgefährdend. Aber hey, ich bins gewohnt da auf taube Ohren zu stossen. Ich finde nur, alle, die sich beschweren, haben nicht die geringste Ahnung, wie gut sie es eigentlich haben.

In Afghanistan ist gerade der Winter hereingebrochen. Diese Bauerntölpel von Taliban sind an der Macht und die Inflation steigt rasant. Ali bekommt jeden Tag Anrufe von verzweifelten Menschen, die noch unter diesem Joch leben. Die Menschen betteln um Geld. Jeder, der sich ein wenig mit der asiatischen Kultur auskennt, weiss, dass das die letzte Karte ist, die die Menschen ziehen. Denn in ihrer Wahrnehmung berauben sie sich ihrer Würde, wenn sie um Geld fragen. Auch wenn sie es nur leihen wollen. Aber es ist bereits soweit, dass sich Mütter überlegen, ob sie Brot oder Schlaftabletten für ihre Kinder kaufen, von dem wenigen Geld, das ihnen zur Verfügung steht. Denn das Brot macht die Kinder vielleicht einmal satt, aber die Pillen lassen die Kinder in den tröstenden Schlaf sinken und das beissende Hungergefühl einmal vergessen.

Ah, ja noch zu diesem Thema: ich habe meiner weiteren Familie vor Weihnachten einen kleinen Brief geschrieben, die obige Situation geschildert und sie gebeten mir nichts ausser Geld zu schenken. Ich würde jeden Cent nach Afghanistan senden. Die gute Nachricht: es sind 1600 Euro zusammengekommen, die schlechte: eines meiner Familienmitglieder hat mir handgemachte Pralinen aus einer Manufaktur gekauft, anstatt mir das Geld dafür zu geben. Ein anderes hat mir einen dreiseitigen Brief geschrieben, in dem er mir erklärt, warum er schon lange für eine christliche Gemeinde in Afghanistan und im Iran spendet und dass er den Betrag nochmal erhöhen wird. Geld ist Geld, mir eigentlich egal, wo er es hinspendet. Aber ich habe auch drei gravierende Probleme damit: Erstens, schreibt er im Brief, dass Christen in den muslimischen Ländern extremer Verfolgung ausgesetzt seien, inklusive Folter und Vergewaltigung. Dazu kann ich nur sagen: Ach, und die anderen nicht?! Zweitens: Offeriert er mir doch an seinen christlichen Gott zu glauben. Der rettet mich nämlich. Ich verstehe das ja ein bisschen, weil in seiner freien Gemeinde gehört Missionieren zum Tagwerk. Aber ich stelle klar: ich glaube nicht an einen Gott. Ich glaube, dass es etwas Grösseres als uns gibt und ich glaube Allah ist genauso gross, wie Gott, Buddha, die hinduistischen Gottheiten, die von Naturvölkern und andrers, an was Menschen glauben. Ich halte es nicht nur für ekelhafte Arroganz zu glauben, der eigene Glaube sei der Richtige, ich finde es auch engstirnig. Manman, musste ich auf dem Weihnachtsfest viel Sekt trinken, um nicht loszubrüllen. Die dritte Aussage war nämlich, dass ich und er ja nicht die ganze Welt retten könnten. Ich dachte ja immer er könne rechnen, denn die Gleichung ist einfach: macht jede*r ein bisschen, ist allen geholfen und diese Welt wäre eine bessere. Und kommt man mir mit der überaus bequemen Wenn-ich-was-mache-bringt-das-ja-eh-nichts-Leier, dann antworte ich regelmässig: Dann lass dich doch gleich vergraben. Wer so wenig an seine Selbstwirksamkeit glaubt, lebt nicht.

Und das wiederum bringt mich zum letzten Thema, das ich hier behandeln möchte: ich war vor Kurzem im Edeka und sehe dieses Blatt:

Ich weiss, die Deutschen lieben Aushänge, aber bei diesem schiessen mir die Tränen in die Augen. Wie erbärmlich muss man denn sein, wenn man Kassenpersonal zur Sau macht? Okay, ich kann auch fies sein. Aber dann habe ich auch einen Grund – klar, in meiner Welt;) Wie kann man sich das Recht herausnehmen, seine schlechte Laune an anderen rauszulassen? Wo bleibt bitte die Erziehung, die Höflichkeit, die Menschlichkeit?

Ich wünsche mir für das neue Jahr eine einzige Sache, denn ich glaube fest daran, dass, wenn wir diese schaffen, wir auch alle anderen persönlichen oder globalen Krisen meistern: Verbundenheit. Ihr wisst schon: das Gespräch im Zug, der alten Dame den Einkaufskorb tragen, einem kleinen Knirps ein Lächeln auf Gesicht zaubern, Müll aufsammeln, den man selbst nicht in die Landschaft gepfeffert hat.

Das Ich im anderen suchen, oder mit der goldenen Regel gesprochen:

Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst.

Ohne Spass. Das ist das Einzige, das uns retten kann.

Einen wundervollen Start ins neue Jahr wünsche ich euch.

Falls euch irgendwas von Obigem betroffen gemacht hat:

  • ihr könnt mir Geld paypalen unter antonia.merz@posteo.ch mit dem Betreff “Fonds Geschenk”. Ali verteilt das Geld dann gerecht.
  • ein Buchtipp, weil Verbundenheit aus Verletzlichkeit erwächst: “Verletzlichkeit macht stark” von Brené Brown.
  • wer lieber guckt: https://www.ted.com/talks/brene_brown_the_power_of_vulnerability?language=de
  • Frau – Leben – Freiheit ist der Protestspruch der iranischen Bewegung. Hier mehr dazu. Schaut auch in die weiterführenden Links.
  • Mein Lied für dieses Jahr 2023: We are the world.

Aus und zwei Neuanfänge

Was bleibt nach 10 Jahren Beziehung? Grosser Schmerz, ganz viele Erinnerungen und die Aufgabe sich neu zu erfinden. Daniel und ich haben uns vor über einem Jahr getrennt. In Freundschaft, wie man so schön sagt. Ob das gut ist für unsere jeweiligen Heilungsprozesse, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich möchte hier nicht unser Innerstes ausbreiten. Wenigstens nicht ganz. Aber es ist mir wichtig diese Erfahrung zu teilen. So wie wir auch immer alles Schöne mit euch geteilt haben. Also los.

Daniel und ich an meinem Geburtstag im Sottovoce in Winterthur

Oktober 2021: Ich stehe vor dem gepackten Lieferwagen von unserer ehemals gemeinsamen Wohnung. Ich höre Daniel bis auf die Strasse weinen. Es bricht mir das Herz. Und trotzdem muss ich diesen Weg gehen. Neue Wohnung, gleiche Stadt. Die Stadt, in die wir gemeinsam gezogen sind. Ich ziehe in meinen Städtertraum. Altes Bauernhaus mitten in der Stadt mit einer jungen Familie.

Einen Monat später. Wir sitzen beim Inder und meine Tränen tropfen in mein Palak Paneer. Daniel hält immer wieder meine Hand und versucht mich zu trösten. Ich heule trotzdem weiter und versuche dabei zu lächeln. Wie betrauert man eine verlorene Liebe?

Zwei Monate später. Ich bin bei Daniel in unserer alten Wohnung und helfe ihm die letzten Sachen zusammenzupacken. Er zieht mit einem Freund zusammen. Immernoch dieselbe Stadt. Lustigerweise wohnen Freunde von uns direkt über dieser Wohnung. All die gemeinsamen Abendessen.

Inzwischen haben es hoffentlich alle mitbekommen, dass wir nicht mehr zusammen sind. Sich all diesen Fragen, all den aufgerissen Augen, all dem Unglauben zu stellen ist zäh. Wie soll man denn erklären, warum eine Liebe geht? Weil es nicht dieselben Zukunftspläne gibt, weil weil weil. Ich verstehe, dass die Menschen, unsere Freunde, unsere Familie verstehen wollen. Aber haben sie auch verstanden, was unsere Liebe ausgemacht hat? Ich glaube kaum. Das ist etwas vom Innersten, vom Geheimsten. Etwas, dass nur die Liebenden wirklich verstehen. Fühlen. Wie erklärt man also, dass es aus ist? Wie macht man dem Gegenüber begreiflich, was so subtil, so zerbrechlich, so flüchtig ist, wie Liebe. Wir können ja nicht mal das Phänomen selbst erklären, wie soll man seine Abwesenheit erklären?

Und nebenbei bringt einen ein bestimmter Geruch, ein vertrautes Geräusch, ein aus Gewohnheit gedachter Gedanke, ein Bild im Kopf sofort völlig aus der Fassung. Man heult im Zug, man kämpft mit den Tränen, wenn man ein Eis holt, man fühlt sich so verletzlich wie ein Scampi ohne Schale. Und niemand kann einem helfen diesen Schmerz zu lindern. Man hofft auf die Zeit. Man macht die Dinge weiter, von denen man denkt, dass man sie mag. Aber irgendwie macht alles keinen Sinn. Tränen beim Wäsche aufhängen, weil man nach 10 Jahren nur noch seine eigenen Unterhosen aufhängt. Tränen beim selten gewordenen Kochen, weil man wieder viel zu viel für eine Person gekocht hat und wieder die ganze Woche davon essen muss.

Und dann: wir beide finden eine neue Liebe. Wieder Zweifel. Haben wir uns die letzten Jahre etwas vorgemacht? War das alles Gewohnheit? Alles nicken, lächeln und weiter? Soll man es nicht nochmal probieren? Was will man zurückholen? Etwas, das es nicht mehr gibt. Aber so schön gewohnt war. So bequem, so lustig, so smooth. Man muss sich der Realität stellen: wir sind nicht mehr die Menschen, die sich einmal ineinander verliebt haben. Wir sind andere. Und wir passen deswegen einfach nicht mehr zusammen. Nicht als Paar. Wir können einander nicht mehr geben, was wir brauchen, um uns, um unsere Beziehung weiterzuentwickeln. Es ist wie gegen eine Mauer zu fahren. Alles anders. Und man denkt das ist das Ende. Alles umsonst, alles was wir uns erschaffe haben, liegt in Scherben.

Langsam, ganz langsam heult man sich abends nicht mehr in den Schlaf. Erwischt eine Erinnerung einen nicht mehr kalt. Man kann wieder lächeln. Es gibt auch mal wieder andere Gesprächsthemen als die Trennung. Man kann sich wieder auf seine Arbeit konzentrieren, anstatt teilnahmslos auf den Bildschirm zu starren. Man nimmt wieder Teil am Leben. Nur noch manchmal trifft einen die Warum-Frage. Und sie wird schwächer.

Ich für meinen Teil habe eine radikale Veränderung gebraucht. Raus aus der WG, rein ins Paarleben. Dorf statt Stadt. Ruhe statt Rummel. Alle neu. Neustart. Ich hab mal irgendwo gelesen: aus den Scherben meines Lebens baue ich eine Discokugel. Ich tanze unter ihr. Bin glücklich. Und versöhnt. Daniel und ich haben wunderbare Zeiten erlebt, viel voneinander und miteinander gelernt. Aber jetzt ist einfach etwas anderes dran.

Und das Tandem? Das steht noch im Keller unserer alten, gemeinsamen Wohnung. Illegal! Wir haben entschlossen es zu verkaufen – oder doch nicht? Auch das ein sichtbares Überbleibsel unserer Beziehung. Und es gibt noch eines: Mein Buch »Ein Paar, ein Tandem und 15.000 km bis nach Indonesien«. Es erscheint am 22. März 2023 im Goldmann Verlag und ich erfülle mir damit einen Lebenstraum: ein Buch schreiben. Punkt.

Was bleibt also? Ein Tandem, ein Buch und hoffentlich irgendwann eine Freundschaft.

Danke Daniel.

Falls ihr das Buch erstehen wollt, könnt ihr es vorbestellen. Am besten beim Verlag direkt. Dann weiss ich nämlich wieviele bereits bestellt sind. Im Moment sind es 800. Nicht schlecht für einen Erstling, finde ich. Jipi.

Ansonsten möchten wir euch ans Herz legen zu eurer/m Buchhändler*in eures Vertrauens zu gehen und das Ding zu kaufen. Ich liebe all diese Buchliebhaber, die kaum was verdienen, aber dir jedes Buch nacherzählen können. Der Kauf über Amazon ist verboten. Ich konnte den Verlag nicht überreden es nicht auch dort anzubieten, aber ich finde den Verein einfach zum Kotzen. So.

Keep rollin´

Manchmal fühlt sich das Leben an, als würde man feststecken. Zum Beispiel im Lockdown. Mir hilft es dann die Perspektive zu wechseln. Also entweder einen Handstand machen oder – wenn ich mehr Zeit habe – eine Reise zu unternehmen. Die kann ich mit mir allein machen oder Daniel und das Tandem fragen, ob sie Lust auf ein Abenteuer haben. Zum Glück lautet die Antwort meistens. Ja! Und so rollen wir los.

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Lovely Luxemburg

Gianni grinst mich spitzbübisch an. Ich kann zwar nur seine Augen sehen, weil eine Maske seine restliche Mimik verdeckt, doch trotzdem kann ich mir für einen Moment den jungen Gianni im geschichtsträchtigen Carlton, Luxemburg vorstellen. Concierge, über alle Skandale informiert, stets diskret – und immer darauf bedacht, dass sich seine Gäste willkommen fühlen.

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Das Leben in Zeiten der Stille

Und, habt ihr schon den Lagerkoller, den Balkongarten neu entdeckt oder freut euch über die neu gewonnene Freiheit im persönlichen “Was-ich-alles-nicht-verpassen-darf”- Terminkalender? Ich persönlich komme ganz gut mit dem neuen Leben klar, aber ich habe ja auch gut reden als systemrelevante Teilzeit-Biobäuerin, die tandembedingt an Isolation mit Daniel gewohnt ist und eh schon immer gern auf dem Balkon übernachtet hat, wenn die Berge fern waren. Aber was ist mit den Menschen, die mit Tod, Jobverlust und Existenzängsten zu kämpfen haben? Ein Einblick in unser Leben in Zeiten der Stille.

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