Meine persönliche Olympiade

Morgens halb 8, strömender Regen. Ich knie vor meinem 60-er Jahre Damenrad und versuche völlig entnervt die Kette am Kettenschutz vorbei wieder auf das vordere Zahnrad zu fädeln. Mala wimmert im Anhänger: «Maaaaaaaamaaaaa, will raaaaaaaus!» Während ich fummle, läuft mein Hirn auf Hochtouren: «Doch den Bus nehmen? Mala bei ihrer Tagesmutter abliefern und dann mit einem anderen Bus weiter zum Bahnhof, um meinen Zug nach Zürich zu bekommen?» Ich versuche abzuschätzen, ob sich das zeitlich ausgeht.

Neben mir eine Stimme: «Kann ich Ihnen helfen?» Die grossen, offenen Augen eines jungen Mannes strahlen mich an. Ich könnte ihn umarmen, begnüge mich aber damit ein inbrünstiges «Ja!» auszustossen. Wir versuchen kurz mit drei Händen die Kette wieder einzuhängen, klappt nicht. Also Anhänger abhängen, Rad umdrehen, damit wir besser arbeiten können. Er: «Vielleicht mal wieder ölen?». «Mein normales Rad ist in der Reparatur.» versuche ich mich zu verteidigen und denke an mein schlankes, stylisches Cube Nuroad mit dem kleinen, aber genau passenden Bosch Motor, das mir schon mehr Komplimente eingebracht hat als irgendein Outfit. Die Schönheit ist aber leider beim Mech, weil das Rücklicht aufgegeben hat.

Der satte Klang einer einrastendenden Kette reisst mich aus meinen Gedanken. Wir haben es geschafft! Wäre nicht das Rad zwischen uns, hätte ich den jungen Mann wohl geküsst, doch er kommt nochmal davon mit einem begeisterten «Danke dir!» meinerseits, das ein honigkuchenpferdstrahlendes Lächeln in sein Gesicht zaubert. Dann reisse ich mich von seinem Anblick los, drehe das Rad um, hänge den Hänger an und tue den ersten, vorsichtigen Tritt mit angehaltenem Atem. Die Kette greift. Leider bin ich im höchsten Gang, traue mich aber nicht zu schalten. Also starte ich im Stehen durch. Mit 12 Kilo Kind und nochmal so viel Anhängermasse, die mich kaum von der Stelle kommen lassen. Der junge Mann fiebert mit und schaut mir zu, wie ich mit voller Power in die Pedale trete. Ich gebe zu: Ich stöhne dabei lautstark, weil es ECHT ANSTRENGEND ist. Ich bin grade 100 Meter gekommen, als mir meine Nachbarn mit ihrem Hund begegnen. Der radbegeisterte Mann höhnt: «Ist das Nuroad kaputt?» Ich presse zwischen zwei Tritten ein «Jaaaaaa, Rücklicht!» heraus und versuche den Schwung nicht zu verlieren. Aus dem Augenwinkel sehe ich den jungen Mann hinter mir her radeln – ich hebe nochmal die Hand und biege dann ab, den Berg hinunter. Ich nutze die Talfahrt, um wieder Atem zu schöpfen. Rote Ampel. Ich fluche und bremse mit den viel zu leicht eingestellten Felgenbremsen. Knapp vor dem Bordstein kommen wir zum Stehen.

Ich nehme es nicht so genau und strample dann doch bei Rot über die Strasse, noch eine Kurve, dann sind wir da. Ich springe vom Rad, schnalle Mala hab, hebe sie aus dem Anhänger. Sie unter einem Arm, mit den Füssen baumelnd, ihren Rucksack in der anderen Hand, hetze ich die vier Treppen, zwei Stockwerke zur Haustür ihrer Tagesmami Alex hoch. Blitzschnell ziehe ich ihr Gummistiefel, Jacke, Schal, Mütze aus, drücke ihr einen Kuss auf die Backe und schiebe sie durch die Tür.

Jetzt gilts. Also Treppen runterrennen, Anhänger wieder abhängen, zu einem Kinderwagen umbauen, rauf auf den Drahtesel und gegen die erlaubte Richtung auf den Radweg. Bei der nächsten Abfahrt frage ich mich kurz, was jetzt wohl passieren würde, wenn das Rad einfach auseinanderfiele – was mich nicht sehr wundern würde. Ich verdränge den Gedanken und hole alles aus mir und dem fragilen Rahmen unter mir heraus. Ich sehe schon den Radständer und halte fokussiert darauf zu. Runter vom Rad, Helm runter, alles anschliessen. Dann der bange Blick auf die Uhr. Noch 9 Minuten. Yes. Ich schwebe beschwingt in Richtung Bahnhof und wundere mich gar nicht, dass die Leute mich anstrahlen – schliesslich habe ich gerade eine völlig unvorteilhafte Ausgangssituation in eine Goldmedaillen- Chance verwandelt – und das sieht man mir sicher an. Ich hechte die letzten Meter zum Bahnhof die Treppen hinaus und fühle mich wirklich wie auf Goldkurs. Erst in der Spiegelung, die mir die Zugtür entgegenwirft, erkenne ich den wahren Grund der Heiterkeit meiner Mitmenschen: Mala hatte am Morgen darauf bestanden, dass ich die Nikolaus-Mütze anziehe. Diese leuchtet rot von meinem erhitzen Kopf. Was soll`s. Ich grinse mein Spiegelbild an und steige in den Zug. Geschafft! Applaus. Standing Ovations. Ich auf dem Treppchen😉

Warum mir der Vergleich in den Kopf kommt? Ganz im Gegensatz zu sonst, muss ich mir 2026 jeden Morgen die Zusammenfassung der olympischen Winterspiele in Mailand/ Cortina anschauen. Ich bestaune die Sportlichkeit, die Kameradschaft, die Grösse, auch der Sportlerinnen und Sportler, die den grossen Traum von einer Medaille nicht erreichen. Ich bin tief berührt vom Zauber eines Teils der Menschheit, für die der Sport alles ist, die aber trotzdem dem oder der Besseren die Hand schütteln können, sich teils sogar mit freuen können. Ich finde die Welt braucht das gerade so sehr. Inmitten all des Hasses, der Hetze, finde ich meine Insel in Sportlerinnen und Sportlern, die ohne Nationalität antreten, sich aus ganzem Herzen freuen und so viel Emotionen zeigen – auch Wut, Trauer, Fassungslosigkeit. Ich komme wieder nicht umhin mich zu fragen, wie wir es schaffen auch ausserhalb dieser Mega-Events eine tiefe Verbundenheit zwischen uns als Menschen zu schaffen – und uns dabei auf unsere Gemeinsamkeiten zu stützen, anstatt auf das, was uns trennt? Any ideas?

Ich sitze im Zug und geniesse mein Frühstück, während ich den Eislauf-Damen bei ihren beeindruckenden Drehungen und Wendungen zu sehe. Und fühl mich ein bisschen, wie eine von ihnen – bloss ohne das grosse Publikum. Ich feiere mich selbst. Das darf man auch mal.