{"id":251,"date":"2016-04-15T08:27:39","date_gmt":"2016-04-15T06:27:39","guid":{"rendered":"http:\/\/wanderwonder.de\/?p=251"},"modified":"2016-04-15T20:07:45","modified_gmt":"2016-04-15T18:07:45","slug":"mit-kinderaugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wanderwonder.de\/en\/2016\/04\/15\/mit-kinderaugen\/","title":{"rendered":"Mit Kinderaugen"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ich an meine Kindheit und Turnhallen denke, denke ich an speckige blau-braune Matten, die dicke Bertha und peinliche Verrenkungen am Barren. Oder an Feuerball, Zirkeltraining und den Cooper Test. Sicher auch an den Geruch junger, verschwitzter K\u00f6rper &#8211; vor allem in den Teenijahren mit billigem Vanilla-Deo \u00fcbert\u00fcncht. Meist war es in der Turnhalle auch ziemlich k\u00fchl und das Licht so unvorteilhaft, dass man beim besten Willen keine Chance hatte Jungs in der Turnhalle mit seinem Aussehen zu beeindrucken, weil echt jedes Pickelchen sofort enttarnt wurde.<\/p>\n<p>Wie sehen Kinderaugen Turnhallen heute? Entweder haben sie die Turnhalle schon l\u00e4nger nicht mehr von innen gesehen, weil der Sportunterricht aufgrund der Belegung der Hallen mit Gefl\u00fcchteten ausf\u00e4llt. Oder sie sind mittendrin in der Turnhalle. Sie ist ein vor\u00fcbergehendes Zuhause.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn ich heute ein Fl\u00fcchtlingskind w\u00e4re und mein Zuhause beschreiben m\u00fcsste, w\u00fcrde ich es vielleicht so sehen: Mintgr\u00fcner Linoleumboden, dicke schwere, weisse Plastikfolien abgetrennten Parzellen, die man durch tunnelartige Eing\u00e4nge erreicht, f\u00fcllen die Turnhalle. Dazwischen liegen breite G\u00e4nge, in denen die Biertische stehen, an denen 3 mal am Tag die ausgegebenen Mahlzeiten verzehrt werden. Vorher muss man sich nat\u00fcrlich anstellen, in eine lange Reihe von Menschen, die einen Teller voll Reis mit Gem\u00fcse erhalten. Immer zu festgelegten Zeiten, nicht von Mama gekocht und manchmal auch ungewohntes: Sp\u00e4tzle zum Beispiel. Falls man zwischendurch mal Hunger bekommt hat jede Familie einen K\u00fchlschrank im Gemeinschaftsbereich. Daraus kommen nur kalte Sachen, einen Platz zum warm machen, gibt es einfach nicht.<\/p>\n<p>Bei \u00fcber 80 Leuten in einer kleinen Turnhalle sind die Duschen und der Sanit\u00e4rbereich immer an der Kapazit\u00e4tsgrenze. Die Mama schrubbt immer erstmal die Dusche, bevor man darin duscht. Tags\u00fcber herrscht eine freundliche Atmosph\u00e4re in der Turnhalle, man spielt zusammen, geht nach draussen auf den Bolzplatz, spielt Verstecken. Abends wird es dann irgendwann ruhiger. Aber sicher kann man oft nicht schlafen, weil die Plastikvorh\u00e4nge keinen Schutz vor Schall bieten &#8211; hier schnarcht einer, dort schreit ein Baby &#8211; die Mama kann deswegen oft nicht schlafen und dreht sich unruhig im Bett hin und her.<\/p>\n<p>So oder so \u00e4hnlich k\u00f6nnte eine Beschreibung des Ganzen aussehen. Kein Vergleich zu einer deutschen Kindheit, bei der man im Fokus seiner Eltern steht, sein eigenes, wohlig warmes Kinderzimmer bewohnt, von Mama bekocht wird, zur Schule geht und nach den Hausaufgaben freie Zeit zum unbeschwerten Spielen bekommt. Man k\u00f6nnte jetzt denken: Die armen Kinder. Was ich jedoch bei meinen Besuchen in genau so einer Halle erlebt habe, zeigt etwas ganz anderes:<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit von Kindern jede Situation so zu nehmen wie sie ist. Das Beste daraus machen. Immer und \u00fcberall die Dinge mit ihrer kindlichen Begeisterung zu betrachten. Neue Freundschaften schliessen, offen sein f\u00fcr Begegungen, neue Freunde und dieses unendliche Vertrauen, das sie in einen setzen.<\/p>\n<p>Ich war sehr ger\u00fchrt von einer besonderen Begegnung, die ich in einem der Turnhallen machte. Ein kleines syrischen M\u00e4dchen, vielleicht 6 oder 7, nennen wir sie Nene. Ich kam in die Halle und sie kannte mich nicht, wollte mir aber sofort ihre Mama vorstellen, mich umarmen und ganz wichtig: ich sollte doch ein paar ihrer Zuckerkugeln, die sie in einer Plastiknuckelflasche herumtrug, probieren. Ich war ein wenig \u00fcberrascht, den normalerweise kann ich nicht sofort mit Kindern. Von ihrer vollgesabberten Nuckelflasche wollte ich allerdings eher weniger probieren und lehnte dankend ab. Nach einer Weile, in der ich Flyer f\u00fcr das anstehende Kino verteilt hatte, hier und da geredet hatte, nat\u00fcrlich immer begleitet von Nene, wollte ich wieder aufbrechen. Nach gef\u00fchlten 1002 K\u00fcssen und weiteren Umarmungen war mir dies auch gestattet, allerdings nur unter dem Versprechen wiederzukommen. Ich versprach und verlie\u00df die Halle. Draussen angekommen griff ich in meine Jackentasche und hatte sicher den dreiviertel Inhalt der Nuckelflasche in Perlenform darin. Ich musste grinsen. Verdammt schlau die Kleine;)<\/p>\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter kam ich wieder in die Halle, um alle, die mit zu Kino wollten, abzuholen. Ein Kinder-Empfangskomitee stand schon bereit. Alle gerieten sofort in helle Aufregung und \u00fcberall wurde nach Jacken, Handschuhen, Schals gesucht, die M\u00fctter zusammengetrommelt und lauthals \u201eCinema, cinema\u201c verk\u00fcndet. Nene war nat\u00fcrlich ganz vorne mit dabei und bevor wir uns \u00fcberhaupt begr\u00fcsst hatten, band sie mir schon ihr Armbund um das Handgelenk. Mir blieb nichts als verwundert \u201eDankesch\u00f6n\u201c zu murmeln und sie zu umarmen &#8211; ich war so ger\u00fchrt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"241\" data-permalink=\"https:\/\/wanderwonder.de\/en\/2016\/04\/15\/mit-kinderaugen\/armband-7\/#main\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?fit=1280%2C720&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"1280,720\" data-comments-opened=\"0\" data-image-title=\"Armband\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?fit=620%2C349&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-large wp-image-241\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6-1024x576.jpg?resize=620%2C349\" alt=\"Armband\" width=\"620\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?resize=1024%2C576&amp;ssl=1 1024w, https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w, https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?resize=676%2C380&amp;ssl=1 676w, https:\/\/i0.wp.com\/wanderwonder.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/armband-6.jpg?w=1280&amp;ssl=1 1280w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/p>\n<p>Nachdem alle sich vor der Halle versammelt hatten, gingen wir in der Gruppe los Richtung Kino. Wir waren sicher 30 Menschen. Kinder verschiedenen Alters, M\u00fctter und sogar die V\u00e4ter. Die entgegenkommenden Fu\u00dfg\u00e4nger waren ziemlich verdutzt von so viel Quirligkeit und Lebensfreude und es war wundersch\u00f6n zu sehen wie alle Spass an dem Ausflug hatten. Nene war nat\u00fcrlich die ganze Zeit neben mir und hielt meine Hand &#8211; ich durfte sie nur loslassen um meine Tasche wieder richtig \u00fcber meine Schulter zu legen oder um den Weg per Handzeichen anzugeben.<\/p>\n<p>Im Kino angekommen suchten sich alle einen Platz, Nene neben ihrer Mama und ihrem Bruder &#8211; ein wunderh\u00fcbscher kleiner Kerl mit strahlend blauen Augen. W\u00e4hrend der Kinovorstellung kam sie immer wieder raus, um nachzuschauen, ob ich wohl noch da bin. Am Ende beim anschliessenden Buffet war sich auch immer an meiner Seite und knabberte geduldig an ihrem Brot w\u00e4hrend ich mich mit den Erwachsenen unterhielt.<\/p>\n<p>Als die Zeit zum Gehen gekommen war, verabschiedete sich Nenes Mutter bei mir und ich b\u00fcckte mich zu Nene hinunter, um ihr die Hand zu geben. Doch anstatt meine Hand zu nehmen, schmi\u00df Nene sich mir an den Hals und dr\u00fcckte mir einen \u00fcberaus liebevollen feuchten Kuss auf die Backe. Alle Umstehenden lie\u00dfen ein lautes \u201eOhhhh\u201c h\u00f6ren und ich war mal wieder verzaubert.<\/p>\n<p>Was ich sagen will: Da ist dieses kleine M\u00e4dchen, das wahrscheinlich seit einem Jahr auf der Flucht ist, vieles erlebt hat, was Kinder nicht erleben sollen und sich trotzdem diese Offenheit, Herzensw\u00e4rme und das Vertrauen erhalten hat. Sie teilt das Wenige, das sie hat v\u00f6llig unbeschwert und freigibig mit mir. Sie schenkt mir Zuneigung und Zuversicht, obwohl sie diese sicher noch ein wenig l\u00e4nger braucht, um in der Halle leben zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es ist wie so oft: ich bin tief ber\u00fchrt von so viel Menschlichkeit. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir diesen Kindern die Chance geben zu lernen, zur Schule zu gehen, einen Teil ihrer Kindheit zurz\u00fcckerobern zu k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn all die wunderh\u00fcbschen Mandelaugen zu einer Lehrerin aufschauen w\u00fcrden und staunend Neues lernen k\u00f6nnten bei uns. In einem Land, in dem es m\u00f6glich sein sollte, dass jedes Kind eine ordentliche Schulausbildung erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Was ihr daf\u00fcr tun k\u00f6nnt? Geht in den Hallen und Unterk\u00fcnften vorbei, lernt die Kinder, M\u00fctter, Familien kennen, informiert euch, wo man Schulsachen f\u00fcr die Kids spenden kann, \u00fcberlegt euch ein Nachmittagsprogramm f\u00fcr die Kids oder helft bei den Hausaufgaben.<\/p>\n<p>Vielleicht schaffen wir es dann, dass auch diese Kinder im Erwachsenenalter an Turnhallen denken, in denen sie Sportunterricht hatten. Und ihren eigenen Kindern ebenfalls eine gute Schulausbildung erm\u00f6glichen k\u00f6nnen.\u00a0 Ich w\u00fcrde es mir w\u00fcnschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich an meine Kindheit und Turnhallen denke, denke ich an speckige blau-braune Matten, die dicke Bertha und peinliche Verrenkungen am Barren. Oder an Feuerball, Zirkeltraining und den Cooper Test. Sicher auch an den Geruch junger, verschwitzter K\u00f6rper &#8211; vor allem in den Teenijahren mit billigem Vanilla-Deo \u00fcbert\u00fcncht. 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