Der Salamander in mir

Sonntagnachmittag. Wir sitzen im Zug von Bellinzona nach Zürich. Heute Abend werde ich an den letzten Veranstaltungen der Frankfurter Buchmesse teilnehmen. Mein Kopf ist voll. Ich bin hin-und hergerissen, während der Vierwaldstätter See an mir vorbei rauscht. Aber von vorne:

Schon auf der Rückfahrt von unserem Tandemabenteuer sitze ich in der Kabine des Containerschiffes, das uns zurück nach Europa bringt und tippsle fleißig die ersten Geschichten über unsere Reise. Mein Handy ist dabei der Briefmarkenmonitor, auf dem ich schreibe, da unser Tablet die Reise nicht überlebt hat. Zumindest die Tastatur ist noch einsatzbereit. Also baue ich einen Turm aus allem Möglichen, um einigermaßen bequem auf den „Bildschirm“ schauen zu können und schreibe so fast jeden Tag ein Kapitel. Es ist ein erhebendes Gefühl. Die Wörter sprudeln aus mir heraus. Ich erlebe alle Situationen nochmals hautnah mit. Es ist, als würde ich nochmals in der Situation stecken und sie mit all meinen Sinnen erleben.

Als wir wieder zuhause sind, komme ich erstmal weniger zum Schreiben. Da gilt es geliebte Menschen wieder zu treffen, einen Job zu finden, sich wieder einzugrooven im statischeren Leben. Doch es lässt mich nie ganz los. Ich will dieses Buch schreiben. Ich will diese Geschichten teilen, die manchmal witzig, manchmal schmerzhaft und ganz schön oft, ganz schön unglaublich sind.

Also frage ich eine liebe Freundin mit Journalismus-Erfahrung, ob sie sich mit mir in dieses unbestimmte Abenteuer stürzen will und sie beginnt mein Geschreibsel zu lesen. Ihre Rückmeldungen sind meist begeistert. Sie findet tausende von Schreibfehlern, doch noch viel wichtiger: sie ist nicht selbst auf dem Tandem gesessen und kann wunderbare Anregungen für sehr viele Dinge geben, die mir nicht mal auffallen. Sie bleibt immer dran an mir. Auch wenn ich zwischendrin gewaltige Durststrecken habe.

Anfang 2020 beschließe ich, jetzt nochmal so richtig Gas zu geben mit dem Buch. Ich will auf die Leipziger Buchmesse, die im März stattfinden soll und mache die Hälfte des Buches soweit fertig. Das bedeutet ich lasse drei weitere fähige Menschen über das Manuskript lesen, frage meinen Lieblingsgraphiker, ob er das Ding mit mir zusammen aufhübscht, wir buchen einen Zug und ein Bett bei einem unserer Lieblingsmenschen in Leipzig – und dann kommt Corona. Buchmesse fällt aus.

Nun ja, es gibt schlimmeres und so ist meine neue Mission: die Frankfurter Buchmesse im Oktober 2020. Ich schreibe fleißig voran, doch das Leben kommt halt auch hier gerne mal dazwischen. Da ist zum Beispiel mein Teilzeit-Bio-Bäuerinnen-Job, der nicht immer ganz planbar ist und mich manchmal müüüüüde hinterlässt. Oder der Sommer, der mit Bergtouren oder Besuchen von Freunden und Familie lockt und so komme ich langsamer voran, als ich denke.

Und hinterher hab ich mir mal wieder nichts vorzuwerfen, weil ich eh nicht persönlich auf die Buchmesse kann – die findet nämlich nur digital statt. Aus der naive Traum einfach so ein bisschen auf der Buchmesse rumzustöbern und dabei einen Verlag für mein Buch zu finden. Doof. Also canceln wir wieder Zug und Unterkunft in Frankfurt und ich sehe mich in unserem Wohnzimmer sitzen und digitale Veranstaltungen „besuchen“, bei denen man eher weniger darauf hoffen darf, dass da ein Verlag aus der Torte an meinen Hals springt. Ich bin gelinde gesagt untermotiviert. Daniel, der sich die Woche extra frei genommen hat, um mit mir an die Buchmesse zu fahren zuckt die Schulter und schlägt vor: „Tessin?“ Ich nicke begeistert und so suchen wir uns ein „Stalla“ im berühmten Maggia-Tal. Wenn die Messe schon digital ist, dann kann man das ja auch nutzen und das so oft gepriesene Leben eines digital nomad – Menschen, die von überall aus arbeiten können und dabei herumziehen – auszuprobieren.

Natürlich darf das Tandem bei diesem Unterfangen nicht fehlen. Und so eine kleine Gotthard-Überquerung im Herbst stellen wir uns auch spannend vor – bis eine Woche vor Abfahrt klar ist, dass der Gotthard-Pass gesperrt ist.

Also fahren wir mit dem Zug ins Tessin und quartieren uns in dem gemütlichen „Stalla“ ein. Von unserem Garten aus können wir nicht nur die herbstliche Pracht der bunten Laubwälder betrachten, sondern auch die schneeweißen Spitzen der dahinter liegenden Berge. Wahnsinn!

Der erste Tag besteht noch aus Anreise und einer kleinen Wanderung durch die steilen Marronihänge. An den anderen Tagen haben wir ein strenges Programm aus frühmorgendlichen Wanderungen und der folgenden Teilnahme an digitalen Messeveranstaltungen. Dabei fühlt sich das ganze eine wenig wie die Kombiwertung aus körperlicher Ausdauer beim Wandern, geistiger Ausdauer beim Mitdenken in den Veranstaltungen und dem allabendlichen Apéro mit tessiner Wein an. Dabei hat natürlich alles seine Schönheit.

Der langsam erwachende Morgen, wenn wir noch im Dunkeln aus der Tür schlüpfen und der Geruch des Rauches in der Luft liegt, der aus den Schornsteinen der anderen Steinhäusern steigt. Der Moment, wenn die tief stehende Sonne die weißen Bergspitzen erreicht und diese zum leuchten bringt. Der Anblick, wenn der goldene Schein die bunten Wälder erreicht und die Farbexplosion aus rot, orange und gelb zündet.

Die Veranstaltungen der Buchmesse, in denen Autor*innen, Lektor*innen und die Vertreter*innen von Verbänden haufenweise nützliche Tipps geben. Dabei geht es zum Beispiel darum, ob es heute noch zeitgemäß ist bei einem echten Verlag zu verlegen oder ob man als Autorin doch besser sein eigenes Ding macht und das Buch selbst verlegt. Zum Beispiel über ein Crowdfunding, bei dem man Menschen dazu inspiriert das eigene Buch durch eine Spende möglich zu machen oder Selfpublishing, bei dem man vom Cover bis zum Marketing alles selbst macht, um das Buch an den Mann oder die Frau zu bringen. Aus der Traum von der zum Frühstück schon Wein trinkenden Autorin, die nur ein Buch zu schreiben braucht und der Verlag übernimmt alles andere. Mist.

Umso weiter die Woche voranschreitet , umso begeisterter bin ich von all den Autor*innen da draußen, die sich nicht länger davon abhängig machen wollen, ob ein Verlag ihr Buch als „gut“ empfindet, sondern die das Ganze einfach selbst in die Hand nehmen und sich ihren Traum vom eigenen Buch erfüllen. Nichtsdestotrotz fühle mich wie der Salamander, den wir ein paar Tage zuvor auf einer unserer Wanderungen gesehen hatten: Erstarrt. Er war zwar vor Kälte und der Angst von uns gefressen zu werden erstarrt und ich bin erstarrt, weil es so viele Dinge gibt,von denen ich noch nicht weiß, wie ich sie anpacken soll. Aber erstarrt ist erstarrt. Der Salamander wartet dann einfach auf die Sonne. Und ich?

Hüpfe erstmal ne Runde, um nicht vor Angst zu erstarren:

Ich lass das Ganze jetzt mal sacken und dann werde ich schon einen Weg finden. Hoffe ich. In der Zwischenzeit könntet ihr ein wenig Sonne spielen und meine gefrorenen Glieder mit ein paar aufmunternden Kommentaren bescheinen. So á la: „Es gibt schon so viele schlechte Bücher, die gekauft werden, da kauft sicher auch einer deines.“ Oder netter;)

Gerade fliegt Flüelen an mir vorbei und ich weiß nur eins: ich will dieses Buch veröffentlichen. Ich befürchte trotzdem: ohne euch geht es nicht. Vor allem nicht, wenn ich den Weg wähle es selbst zu verlegen. Also, was sagt ihr meinem inneren Salamander?