Jahresrückblick #1: Soulmates und andere Geschichten

Uuuuuulala ihr Lieben. Ihr habt schon einige Zeit nichts mehr von uns gehört. Und wir finden der Anfang des neuen Jahrzehnts ist der richtige Moment, um wieder einmal zu reflektieren. Über glückliche und weniger glückliche Tage. Über das, was wirklich wichtig ist im Leben und was wir uns vornehmen für das neue Jahr.

Daniel, Antonia, Mahtab, Simon und Michi

Mahtab steht vor der „Freundewand“ in unserer neuen Wohnung in der Schweiz. Hier sammeln wir alle Karten, Einladungen und Fotos von Momenten, die uns wichtig sind. Mahtab betrachtet fasziniert die vielen Fotos von diversen Hochzeiten, an denen wir in den vergangenen Jahren teilhaben durften. Ich grinse sie an und sage: „Ja, alle heiraten.“ Sie nickt wissend.

Erinnert ihr euch noch an Mahtab? Die äußerst kluge und äußerst hübsche Iranerin, bei der wir ganze 10 Tage in Teheran waren? Die Freundin von Simon, dem Radteamkollegen von Daniel. 

Für alle, die sich nicht mehr erinnern: Als wir in Teheran ankommen – jetzt minus 2 Jahre – sind wir völlig fremde Menschen für Mahtab. Trotzdem bietet sie uns das ehemalige Schlafzimmer ihrer Eltern an, bereitet uns jeden Morgen ein leckeres iranisches Frühstück und kocht Abends mithilfe des Telefonjockers names Oma iranische Spezialitäten. Noch viel wichtiger: sie lässt uns an ihren interessanten Gedanken teilhaben. Sie erklärt uns vieles, was wir im Iran nicht verstehen und das uns auf unserer weiteren Reise noch sehr von nutzen sein wird. 


Antonia, Daniel und Mahtab im Lieblingscafé in Teheran

Damit nicht genug. Mahtab teilt wie selbstverständlich ihren Kleiderschrank mit mir und es macht mir Freude mit ihr durch die Stadt zu schlendern und einfach mal wieder Mädelskram zu machen, da ich sonst ja immer auf und im Tandem mit Daniel unterwegs bin. Wir schlemmen typisch iranische Eiscreme und philosophieren dabei über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Selbst jetzt noch treten mir die Tränen in die Augen, wenn ich eine Mischung aus Rosenwasser, Pistazien und Sahnestückchen schmecke, die typische Eiscremesorte des Iran. 

Fruit juice with ice cream! // Saft mit Eis!

Nebenbei übt sie fleißig Deutsch mithilfe einer CD, die sie schon morgens laufen lässt und die  mich persönlich fast in den Wahnsinn treibt. „Mein Name ist Markus. Wie ist dein Name?“ Sie hat Simon schon einmal in Deutschland besucht, nun sind die beiden verlobt und Mahtab bereitet sich darauf vor in Deutschland zu leben. Mit ihrem tadellosen Englisch, über das wir uns verständigen , wird sie in Deutschland nur halb durchkommen. Und halbe Sachen sind nichts für Mahtab. Ich bin nicht nur erstaunt, dass die beiden innerhalb kürzester Zeit beschlossen haben, dass sie sich ein gemeinsames Leben vorstellen können, sondern ich frage mich auch, wie eine Frau wie Mahtab, die das Persien der Dichter und feinen Kultur so liebt in Deutschland glücklich werden soll. Wir haben zwar auch Dichter und Denker, sind aber bei Weitem nicht so offen und herzlich wie die meisten Iraner. Ich versuche sie in unseren Gesprächen darauf vorzubereiten, dass es ein ziemlicher Schock für sie sein könnte im Januar 2018 in Deutschland zu landen. Kalt, nass, alle noch in der Winterdepression steckend. 

Während unserer intensiven Gespräche wird mir klar, wie aufreibend Mahtabs Leben zu verschiedenen Zeitpunkten war und ist. Gerade versucht sie den Tod ihrer Mutter zu verarbeiten und gleichzeitig ist sie schwer verliebt. Was für Gegensätze.

Nach zehn intensiven  Tagen fällt es mir schwer zu gehen und Mahtab zu verlassen. Sie hat bereits einen Platz in meinem Herzen eingenommen und wir halten auch nach unserer Abreise engen Kontakt. Daniel und ich fiebern aus der Ferne auf dem Tandem mit, als Mahtab auf das Ergebnis ihres Visumantrags wartet und feiern, als klar ist, dass sie nach Deutschland reisen darf und die beiden heiraten können. Wir mit unseren deutschen Pässen hatten nicht ein einziges Mal solche Schwierigkeiten in ein Land einreisen zu dürfen. Mit einem iranischen Pass sieht das anders aus.

Mahtab und ich schreiben uns weiterhin, aber die Gespräche fehlen mir und als Mahtab mich fragt, ob wir im Januar 2018 bereits wieder in Deutschland sind, weil sie mich gerne zu ihrer Trauzeugin machen würde, muss ich traurig absagen. So schnell schaffen wir es nicht zurück und fliegen ist keine Option. Wir sind zu diesem Zeitpunkt gerade mitten in Thailand und kämpfen uns durch den bergigen Dschungel. Die standesamtliche Trauung muss jedoch schnell stattfinden. Nachdem der Antrag durch ist, muss sie ein halbes Jahr nach der Beantragung vollzogen werden. Bis alle Dokumente zusammengesammelt und geprüft sind, haben die beiden noch fünf Tage, um zu heiraten. Schnell zum Frisör, ein Anzug und ein Kleid gekauft und los. Zum Glück sind Familie und Freunde in Deutschland genauso spontan wie die beiden und stellen kurzerhand eine feine Feier auf die Beine.

Simon und Mahtab an ihrer standesamtlichen Trauung.

Während ich mit meiner Tante, die wir bei ihrem jährlichen Thailandurlaub auf Phuket besuchen einen Weisswein schlürfe, bekomme ich die wunderhübschen Fotos der beiden und es schmerzt mich ein wenig, nicht bei ihnen sein zu können, obwohl ich ich gerade seit sechs langen Monaten mal wieder einen Menschen treffe, den ich länger als einen Tag kenne. So gerne hätte ich die beiden an diesem glücklichen Tag begleitet.

Fünf Monate später, als wir wieder zurück in Konstanz sind, kommen uns die beiden besuchen. Wir schlendern zu viert durch die Stadt und am See entlang und ich bemerke, dass Mahtab sich in Deutschland nicht ganz so sicher fühlt, wie im Iran. Im Iran kennt sie alle formellen und informellen Regeln. Hier ist alles neu. Mahtab hat gelernt, dass sich die iranische und die deutsche Kultur besonders in puncto Gastfreundschaft unterscheiden. Im Iran ist ein Fremder aus einem anderen Land ein Geschenk des Himmels. Er wird verwöhnt, eingeladen, keine Anstrengung ist zu groß, um dem Gast zu zeigen, dass er willkommen ist. Auch auf offener Straße wird man im Iran angesprochen und nach Hause eingeladen. Dass das in Deutschland anders ist, erstaunt Mahtab zu Beginn sehr und sie hat Mühe, sich darin einzufinden. Sie hat Zweifel, schließlich hat sie ihr ganzes Leben hinter sich gelassen und hier mit Simon ein neues Kapitel in ihrem Leben begonnen. Ich versuche ihr zu sagen, dass so etwas Zeit braucht und wir wechseln nach ein paar Stunden wieder ins Englische, damit sie sich nicht so anstrengen muss.

Nach diesem Besuch haben wir nicht mehr so viel Kontakt, weil Daniel und ich damit beschäftigt sind wieder in Deutschland anzukommen, uns neue Jobs zu suchen und unsere Freunde und Familie vor Ort zu geniessen. Im Dezember 2018 ziehen wir in die Schweiz um. Dort verbringen Mahtab und Simon Silvester mit uns. Am Anfang sind die beiden mir recht fremd und ich merke, wie Mahtab Mühe hat der Konversation zu folgen. Erst an Neujahr 2019 öffnet Mahtab sich mir und ich verstehe, dass sie vielen rassistischen Vorurteilen ausgesetzt ist.

Da ist der Lehrer aus ihrem Deutschkurs, der jede Gelegenheit nutzt, um seine ausländischen Schüler darauf aufmerksam zu machen, dass er sich locker Dinge leisten kann, die sie sich sicher nicht leisten könnten. Sogar von ihren Mitschülern hört Mahtab öfters Vorurteile, die typischerweise mit ihrem Land verbunden werden: „Ah, du musstest heiraten, weil das deine Religion so will.” Auch bei der Arbeit, bei der sie in einer Restaurantkette im Service angestellt ist, muss sie sich gegen Arbeitskollegen wehren, die es ausnutzen, dass sie nicht alle Regeln kennt: „Mahtab geh doch mal in die Pause, ich kassier deinen Tisch ab.” – und nehm dann auch dein Trinkgeld. Als Mahtab einen weiteren Vollzeitdeutschkurs beginnt, wird sie gekündigt – eine harte Erfahrung. 

Auch ich lebe zu diesem Zeitpunkt in einem anderen Land und kann ihr nachfühlen, wie es ist seine gewohnte Umgebung zu verlieren, viele neue formelle und informelle Regeln zu lernen und sich immer ein wenig fremd zu fühlen. Wenn man beim Bäcker „Weggli“ anstatt “Brötchen” bestellt und  herausfinden muss, was der unterschied zwischen gelb und blau umrandeten Parkplätzen ist. Das braucht einfach seine Zeit. Und bei mir reden wir hier nur von einem Wechsel von Süddeutschland in die nördliche Schweiz. Knapp 40 Kilometer. Zwischen Mahtabs Heimat und Deutschland liegen nicht nur ca. 6000 Kilometer (vier Radelmonate für uns und das Tandem), sondern sie hat sogar den Kontinent gewechselt und ist in einer völlig anderen Kultur gelandet.

Der Umzug in die Schweiz

Ich nehme mir vor Mahtab mehr zu unterstützen, auch wenn sie in Stuttgart und ich in Winterthur wohne. Aber  das klappt nicht so gut. Mein neuer Job fordert mich extrem, ich muss mich selbst in meine Aufgaben und die neue Umgebung einfinden und habe dabei keine Kapazitäten für anderes. Nicht mal für mich selbst. Das führt dazu, dass ich meinen neuen Job nach sechs Monaten wieder aufgebe und erstmal auf einem Biobauernhof anheuere, um mich zu sortieren. Es ist eine harte Erfahrung für mich etwas nicht zu schaffen, das ich mir vorgenommen habe. Aber nach einer Weile kann ich das Ganze sportlich sehen und mich erholen.

Simon, Mahtab, Antonia in Stuttgart

Dann ruft mich Mahtab an und fragt mich ein zweites Mal, ob ich ihre Trauzeugin werden möchte. Sie werden im August eine grössere Feier machen, an der auch Mahtabs Vater und ihr kleiner Bruder teilnehmen können. Wenn sie ein Visum bekommen. Ich sage voller Freude zu und beginne mit den Dingen, die man als Trauzeugin so macht. Junggesellinnenabschied organisieren und nach Stuttgart reisen, um herauszufinden, was die beiden sich wünschen. Es ist ein Wochenende voller Phantasien, Fragen, Erklärungen und ernsten Gesprächen. Mahtab ist unsicher, weil sie noch nie eine Hochzeit in Deutschland miterlebt hat und ich erzähle ihr viel von den Feiern, die ich bereits besucht habe. Nach und nach klären wir Themen, Aufgaben und die beiden bekommen ein Bild davon, wie sie ihre Liebe feiern möchten. 

Arrrrrr

In den folgenden drei Monaten lerne ich ein paar von Mahtabs und Simons Freunden und die Familie von Simon kennen und schätzen. Die Mädels, die beim Junggesellinnenabschied mit uns in Piratenkluft Kanu fahren gehen, sind herzlich und hilfsbereit. Simons Familie nimmt mich wie eine alte Freundin auf.  Joél, mit dem ich die freie Trauung der beiden vorbereiten soll, ist ein kluger junger Mann und ich habe viel Freude bei den Vorbereitungen.

Antonia und Joél an der Hochzeit von Simon und Mahtab.

Und dann ist der Tag da. Simon führt seine wunderschöne persische Prinzessin, in den Garten, in dem die Gäste bereits warten.

Die beiden begrüssen ihre Lieben und dann sind Joél und ich an der Reihe. Wir erzählen die bewegenden Lebens- und die berührende Liebesgeschichte der beiden. Schon bei den Vorbereitungen unserer halbstündigen Rede wird mir bewusst, wie sehr mir die beiden ans Herz gewachsen sind. Es wird ein schönes und rauschendes Fest und ich freue mich Mahtab in meiner Nähe zu wissen.

Silvester 2019 verbringen wir wieder zusammen. Diesmal in der neuen Wohnung der beiden in Filderstadt. Mahtab hat inzwischen einen Job bei der Stadt Stuttgart in ihrem Studienbereich angenommen. Ihre Haare sind kürzer, wir wechseln den ganzen Tag nicht ins Englische, sie hat angefangen einen Sitar Kurs zu machen und sich so mit ihrer eigenen Kultur zu verbinden und sie macht einen zufriedenen Eindruck. So zufrieden wie man eben sein kann, wenn  man immer höher hinaus will und wenn man die Entwicklungen im Iran immer mit Sorge betrachten muss. Mahtab hat viele liebe Menschen im Iran zurückgelassen und die Eskapaden dieser narzisstischen, impulsiven und gefährlichen Soziopathen aus dem Weißen Haus gefährdet direkt das Leben dieser Menschen. Wie immer fühle ich mich recht hilflos im Hinblick auf geopolitische Auseinandersetzungen, bei denen Empathie, das Recht der Menschen auf Frieden und Unversehrtheit sowie die Meinung der betroffenen Bevölkerung keine Rolle zu spielen scheinen. Meine Antwort darauf ist die Petition „Europa sagt ‚Nein‘ zum Krieg gegen den Iran!” zu unterschreiben. Ich fühle mich dadurch immernoch hilflos, habe aber wenigstens an der richtigen Stelle mitgeteilt, was meine Meinung dazu ist. Vielleicht möchtet ihr das auch.

Bevor die Situation im Iran sich so zugespitzt hat, wollte ich einfach nur den einen Punkt reflektieren: Man denkt ja manchmal man habe schon alle seine Soulmates gefunden. Und schwupps kommt wieder eines um die Ecke. Mahtab und ich kommen aus zwei verschiedenen Kulturen, zwei Kontinenten. Wir haben komplett verschiedenen Geschichten und haben uns nur durch mehrere Zufälle kennengelernt. Ich habe mir vorgenommen mir diese Offenheit zu bewahren. Menschen immer wieder mit Neugier zu begegnen. Denn so bleibt mein Herz offen für andere. So fühle ich mich jetzt durch eine ganz persönliche Freundschaft verbunden mit dem Schicksal einer anderen Nation. Ich sitze hier zwar in der sicheren Schweiz und trotzdem bin ich mit dem Iran verflochten. Man kann das als naive Rührseligkeit abtun oder sich fragen, was uns als Menschheit eigentlich verbindet. Ob wir nicht alle die grundlegendsten Werte teilen und deshalb als Menschen verbunden sind. Ich jedenfalls bin dankbar für die Lektion, die ich aus unserer Reise mitnehmen durfte und dankbar für das Soulemate, das mich begleitet.

Ich stehe vor unserer Freundewand, wo jetzt auch Mahtab und Simon hängen und muss grinsen.

Unsere Freundewand.

Ein neugieriges, offenes Jahr 2020 euch allen!