Precious Persia – Iran #7

Nach ein wenig Zurückgezogenheit und Erholung in Bojnourd, starten wir unsere letzten 10 Tage im Iran – und bekommen gleich wieder die volle Ladung Aufmerksamkeit ab. Es kommt so weit, dass ich es kaum erwarten kann Mashad zu erreichen, um mich dort in unserem eigenen, kleinen Apartment zu verschanzen. Doch wie es der Zufall will, kommt alles anders und wir erleben die Spitze von Großzügigkeit, Freundschaft und Zurückhaltung zugleich.


Beim Start in Bojnourd gibt es einen kleinen Eklat, weil Daniel in seinen kurzen Hosen Wasser kaufen geht, bbevor wir losgehen. Das erzürnt einen vorbeigehenden Mann so sehr, dass er wild beginnt auf Daniel einzureden. Man übersetzt Daniel, dass er nicht will, dass seine Schwestern und Mütter seine entblößten Knie sehen. Daniel kommt völlig aufgelöst zurück in unser Zimmer und zieht lange Hosen an, um die Situation zu entspannen und Respekt zu zeigen. Spätestens hier merken wir, dass wir uns mit Mashad der konservativsten Stadt im Iran nähern. Am Ende kommt der Beschuldiger zu uns vor die Tür und entschuldigt sich für sein Verhalten. Aber auch das hinterlässt einen schalen Nachgeschmack bei Daniel, weil er dies sicher nur getan hat, weil die anderen ihm ins Gewissen geredet haben und die Das-sind-Gäste-Karte gezogen haben. Trotzdem trägt Daniel nach dem Vorfall seine Hose zumindest über den Knien. Finde ich auch ein bisschen fairer, nachdem ich hier immer voll vermummt rumstrampeln muss.

Wir fahren an diesem Tag nur knappe 60 km und machen dann Pause in einem Park, bis unser Warmshower von der Arbeit kommt. Es wird ein gesprächiger Nachmittag, an dem wir zum Mittagessen, Tee, Obst und manch weiterem von den ständig wechselnden Parkesuchern eingeladen werden. Wir sind froh, als der ruhige Vahab uns zu sich nach Hause bittet. Bevor wir aber hinter der schützenden Mauer in den friedlichen Innenhof verschwinden können, reißen sich seine Nachbarn noch darum uns Getränke und Obst anzubieten. Wir sind ein wenig entsetzt.

Zuhause lernen wir Vahabs liebe Mama kennen, bekommen ein Konzert von seiner kleinen Nichte und im Laufe des Abends schaut die gesamte Familie vorbei, wir essen alle zusammen und gegen Mitternacht bauen wir zusammen das Mückennetz auf, unter dem wir eine herrlich kühle und ruhige Nacht verbringen.

Wir eiern nach einem herrlichen Frühstück weiter und gleiten wieder durch die Wüste. Unser Tagesziel zu erreichen gestaltet sich bei 30 km/h Gegenwind etwas schwierig und ich kippe fast vom Rad als wir endlich da sind. Wir schlagen unser Lager in einem penibel gepflegten Park außerhalb der Stadt auf und dösen den Nachmittag vor uns hin, nur unterbrochen vom netten Gärtner, der ab und zu vorbeischaut, um uns Trauben zu bringen und zu quatschen. Die Nacht wird unruhig weil wir in der Rowdie Ecke gelandet sind, wo sich die ganzen Jungs treffen und – psst – Bier trinken. Ich freue mich als wir um 5 aufstehen können und wieder in die Pedale treten.

Der Wind steht heute gut und wir fliegen nur so dahin. Ich freue mich, dass wir so gut vorankommen. Es ist wenig Verkehr und wir haben immer einen Seitenstreifen, der uns vom Verkehr fernhält. Ich denke zum ersten Mal: Wow, echt entspannt, ich bin auch nicht so verkrampft wie sonst, heute will uns irgendwie keiner umbringen. Wir machen Pause an einer der gut ausgebauten Pilgerraststätten, trinken einen Tee und essen Kekse. Erfrischt fahren wir weiter.

Ich schaue auf ein Schild, das mir mitteilt, dass in 5 km eine Rotkreuzstation kommt, im nächsten Moment schaue ich in Daniels entsetztes Gesicht, der vor mir auf dem Boden liegt. Ich schaue um uns. Unsere Taschen liegen verstreut auf der Strasse und 2 Männer kommen auf uns zugerannt und schleppen uns von der zweispurigen Straße. So unglaublich es klingt, weder Daniel noch ich wissen, was passiert ist. Daniel hat wohl gerade auf seinen Tacho geschaut und entweder das Auto, das rechts auf dem Seitenstreifen gestanden oder gefahren ist (wir können das leider nicht herausfinden) übersehen haben oder so knapp daran vorbeigefahren sein, dass es uns mitgenommen und zu Fall gebracht  hat. Daniel hat ein paar Schürfungen an der Hüfte und der Schulter, sein Helm hat einen sichtbaren Schlenzer. Ich bin nur minimal auf mein linkes Knie geknallt. Wir versuchen nachdem wir uns vergewissert haben, dass niemand ernsthaft verletzt ist, herauszufinden, was passiert ist. Da weder der Fahrer noch die Passanten englisch sprechen, gestaltet sich das schwierig. Es dauert eine Weile bis wir auf die Idee kommen einer unserer Freunde anzurufen. Hossein redet mit dem Autofahrer und als ich das Handy wieder bekomme, sagt er mir, er habe dem Fahrer gesagt, er solle es gut sein lassen, wir seien Gäste. Ich kann es nicht glauben und sage ihm, dass ich gerne wissen möchte was passiert ist. Das eher alte Modell hat einen kleinen Kratzer an der hinteren Tür und ich möchte nicht, dass man hier die Gäste-Karte zieht. Es ist jedoch partout nicht herauszufinden, wie das alles passiert ist und so zieht der Fahrer ab.

Daniel repariert unsere Taschen, deren Halterungen abgerissen sind mit Ersatzteilen, die man uns glücklicherweise nach Teheran geschickt hat. So können wir nach einer halben Stunde immer noch völlig perplex weiterfahren. Ich bin jetzt wieder hellwach auf dem Rad und schaue fleißig mit. Daniel macht sich Vorwürfe, dass er das Auto wohl weder gesehen noch als Gefahr wahrgenommen hat. Wir diskutieren verschiedene Szenarien und überlegen auch, ob wir wohl beide gleichzeitig in den Sekundenschlaf fallen könnten. Aber da wir just zuvor die Pause gemacht hatten, kommt uns das sehr unwahrscheinlich vor.

Wir fahren noch ein paar Kilometer und lehnen zum ersten Mal Selfie-Anfragen ab. Wir müssen uns jetzt wirklich erstmal um uns kümmern. In einem Park angekommen liegt Daniel erst einmal ab, ich bereite unser Mittagessen. Lange Ruhe haben wir nicht, gegen Abend umringt uns der halbe Park. Ich habe wenig Lust zu quatschen, bringe es aber nicht übers Herz die ganzen Menschen wegzuschicken. Zum Glück fragt uns Majid ob wir bei ihm bleiben möchten. Wir sagen zu. Er spricht wenig englisch, wir können uns aber trotzdem blendend unterhalten und ist einer der aufmerksamsten Gastgeber, die wir im ganzen Iran haben, obwohl er null Erfahrung mit Radlern hat. Wir dürfen sogar um 11 schlafen gehen, weil wir um 6 wieder raus wollen. Tolle Kerl!

Wir radeln die letzten Kilometer bis Mashad, von dem die Leute sagen es wäre die Stadt mit dem höllischsten Verkehr, weil nicht nur Pilger aus dem ganzen In-, sondern auch aus dem Ausland hier Auto fahren. Wir überleben jedoch glücklicherweise und halten 3 km vor unserem Ziel, um einen Kaffee zu trinken. Dort strahlt mich hinter der Theke ein sanftes, wundervolles Wesen an und Samira führt uns durch den Buchladen, in dem sie das Cafe betreut. Es ist herrlich mal wieder eine offene, kluge und voller kleiner Geschichten sprudelnde Frau zu sehen und ich bin dankbar, als sie fragt, ob wir sie in den folgenden Tagen nicht treffen wollen. Nach all diesen fiesen Kilometern durch die triste Wüste ist sie meine Oase und ich freue mich diese leuchtende Frau näher kennenzulernen.

Wir erreichen unser Apartment Hotel gegen Mittag. Verrückte Geschichte: Mahtab, unsere Freundin aus Teheran hat einen Freund in Mashad, dessen Familie dieses Hotel gehört und er hat uns eingeladen hier zu bleiben. Schon als wir ankommen ist alles wunderbar organisiert. Wir bekommen unsere 2. Reisepässe, die ihren Weg von Deutschland in den Iran per Flugzeug zurücklegen mussten, weil man keine wichtigen Dokumente per Post senden darf und Mahtab hat es geschafft diese von Teheran nach Mashad zu bringen, sodass wir sie nun in den Händen halten können.

Wir genießen unseren ersten selbstbestimmten Tag in vollen Zügen, kochen , lesen und freuen uns ein eigenes Zuhause zu haben, in dem ich kein Kopftuch tragen muss. In den folgenden Tagen treffen wir Samira und ihren wundervollen Mann Davoud. Sie laden uns zu sich in ihr geschmackvolles und mit Kunst gesprenkeltes Apartment ein, wir kochen zusammen (!), wie wunderbar, und verbringen einen wunderschönen Abend. Zum Glück haben wir die Chance die beiden nochmals zu sehen. Sie nehmen sich die Zeit neben ihren anstrengenden Jobs und wir gehen Pizza essen und einen Park besuchen. Wir quatschen pausenlos und am Ende macht mir die vielfach talentierte Samira ein wundervolles Geschenk. Einen Ring, den sie selbst aus Messing hergestellt hat. Wie schade, dass man Menschen nicht so einfach wie Ringe mitnehmen kann! Der Abschied ist tränenreich und ich wünsche mir so sehr, dass eine Frau mit so vielen Talenten von ihrer Kunst leben und sich frei entfalten kann im Iran.

Wir dürfen auch noch 2 Tage mit unserem wundervollen Gastgeber Hassan verbringen. Er arbeitet als Rezeptionist in einem anderen Hotel, ist unglaublich gut organisiert, extrem zuvorkommend und voller Energie. Er organisiert verschiedenstes für uns und überrascht uns immer wieder mit speziellem. Ein Mittagessen, dass uns der Roomservice bringt, eine Fahrt außerhalb der Start, um mein Lieblingsessen zu bekommen, ein Frühstück im schmucken Restaurant, in dem sein wunderbarer Cousin Mohammed arbeitet oder eine Fahrt aufs Land, bei der wir Tee und Trockenfrüchte genießen. Es ist wunderbar sich mit den beiden Freunden zu unterhalten und ihre Sicht auf Freundschaft und Leidenschaft für Dinge zu erfahren. Es sind erhebende Stunden und wir lernen und staunen über die Einstellungen, die sie haben. Gastfreundschaft ist tief in ihren Herzen verwurzelt und es ist offensichtlich, dass sie sich freuen, wenn wir uns freuen. Da kommt er ganz nach seinem Vater, der uns ebenfalls herzlichst verwöhnt. Unbeschreiblich.

In unseren letzten Tagen im Iran werden wir nochmal nach Strich und Faden verwöhnt und trotzdem lässt man uns genug Zeit, um auch einmal für uns zu sein. Wir sind entzückt und fragen uns wie wir das Loch, das uns bei unserem 5-Tage-Ritt durch Turkmenistan wohl erreichen muss nach so viel Freude, überleben sollen.