Precious Persia – Iran #6

Wir radeln aufgeregt von Minudasht Richtung Golestan Nationalpark und freuen uns auf Wald. Der kommt. Aber nach ihm folgen ein paar harte Zeiten. Doch wie das so ist im Iran, die nächste Heldenschar ist nie weit und bereit dich mit einer Umarmung zu retten. Doch von vorne:



Bevor das satte grün des Golestan uns ganz plötzlich umschließt, werden wir wieder  – beschenkt – diesmal mit Brot aus dem Kofferraum, während wir gerade an einer abgesifften Bushaltestelle frühstücken – der Bäcker freut sich, dass wir uns freuen. Wir fahren durch ein paar nette Käffer, wo das grün bereits beginnt, verpassen es aber Mittagessen einzukaufen und als wir endlich unter ein paar großen Bäumen im lichten Wald Mittagspause machen, haben wir leider nichts aufs Brot. Wir schnüffeln sehnsüchtig den Geruch von gebratenem Fleisch, der von den vielen iranischen Familien, die ebenfalls im Wald Rast machen, zu uns herüberweht. Daniel macht erstmal ein Schläfchen während ich mich tiefer in den Wald wage, um die großen alten Bäume, in deren Blättern das Licht spielt, bewundere. Wald, Laubwald, wie sehr ich das vermisst habe!

Da Daniel immernoch schnarcht mache ich mich meiner Intuition folgend auf, um etwas zu essen aufzutreiben. Ich kann nicht glauben, dass es in diesem Land niemanden gibt, der nicht etwas verkauft, hier, wo so viele Menschen sind. Und tatsächlich, nach einem Kilometer Fußmarsch, entdecke ich einen Mann, der direkt von seiner Ladefläche Sachen verkauft. Ich kaufe Tomaten, Gurken, eine Melone, Daniel’s Tagesration Fanta, die er braucht, seit das Klima so feucht ist und Wasser. Stolz schleppe ich meine Beute zu unserem Rastplatz, wo Daniel Nüsse knackt, um sich die Zeit zu vertreiben. Wir schlemmen unser Festmahl und machen dann noch ein Schläfchen, bevor wir weiterradeln. Wir fahren weiter, vorbei an Familien, die zahme Wildschweine fotografieren. Riesige Keiler sind darunter, so zahm wie Lämmchen. Keiner jagt sie hier und deswegen sind sie so zutraulich und friedlich.

Auf unserem weiteren Weg fallen uns die massiven Befestigungen für das trockene Flußbett auf und wir denken uns, dass im Frühjahr ganz schön viel Wasser aus den Bergen hier herunter fließen muss. Ein paar Tage später wird es hier ein schweres Unwetter geben und es wird so viel regnen, dass ganze Autos weggeschwemmt werden, ganz zu schweigen von den süßen Dörfchen, die wir davor gesehen haben. Wir wollen uns nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn uns dieses Unwetter beim Zelten überrascht hätte. Glück gehabt.

Gegen frühen Abend sind wir schon ziemlich müde, weil es immer leicht bergauf geht und wollen eigentlich gerne zelten. Aber da es hier keine Dörfer mehr gibt, haben wir nicht genug Wasser. Wir regen uns darüber auf, dass wir nicht besser vorbereitet sind und strampeln erschöpft weiter, bis wir eine Raststation inmitten des nichts erreichen. Wir wollen eigentlich nur Wasser aufladen, aber die interessierten Urlauber umringen uns sofort und wir machen gefühlte Millionen Selfies. Ich bin genervt, weil man mir so nah auf die Pelle rückt und dann noch eine  Frau, die Umhänge verkauft auf mich zukommt und mir nahelegt, doch einen zu kaufen. Als ich mich brüsk umdrehe, um Wasser zu kaufen und Daniel ihr erklärt, dass ich das Ding nur trage, um Respekt zu zeigen und nicht weil es meine Kultur oder mein Glaube ist, macht sie ihn darauf aufmerksam, dass er kurze Hosen trägt. Streng genommen dürfen Männer ihre Knie auch nicht zeigen, aber solange man Sport macht, hat man uns versichert, ist das in Ordnung. Wir laufen ein Stück weiter um nicht noch mehr Diskussionen führen zu müssen und werden auch hier sofort wieder umringt und beschenkt und eingeladen doch noch kurz 100 km zu fahren, um bei einer Familie zu übernachten. Wir habe öfters eine harte Zeit zu erklären, dass wir nicht in einem klimatisierten SUV unterwegs sind, sondern alles Gewicht selbst bewegen müssen und nicht einfach 100 km fahren können, wenn wir schon 80 bergauf in den Beinen haben.

Als der Andrang kurz nachlässt, verständigen sich Daniel und ich darauf hierzubleiben und einmal den Camping-Wahnsinn der Iraner mitzumachen, die sich unheimlich gerne in Parks in Städten oder eben in solchen Rastplätzen zusammenpferchen, um zu übernachten. Die Infrastruktur mit großen sanitären Anlagen und Verpflegungsmöglichkeiten ist gegeben. Ich mache mir nur sorgen um meine nächtliche Ruhe. Schon als wir das Zelt aufbauen werden wir wieder mehrmals angesprochen und bekommen Wassermelone, Tee und Süßigkeiten geschenkt. Wir gönnen uns einen Kebab vom Stand nebenan und machen uns bettfertig. Der Platz füllt sich so langsam und ganze Familien sitzen und fläzen auf ihren hübschen Teppichen, kochen, essen oder unterhalten sich. Auf jeden zweiten Teppich werden wir eingeladen und ich versuche zu erklären, dass ich müde bin und wir morgen wieder um 5 Uhr aufstehen werden. Iranern ist das Konzept von Privatsphäre weniger geläufig und ich denke oft, dass dies der Grund dafür ist, warum sie völlig in der Familie aufgehen und vom Enkel bis zur Oma alle miteinander in einem Auto verreisen können, ohne auch mal ihre Ruhe zu brauchen.

Ich bin ein wenig entnervt, als ich gegen Mitternacht nochmal die Toilette aufsuchen muss und unsere neu hinzugekommenen Zeltnachbarn mit heruntergeklappten Kiefern zuschauen, wie ich aus dem Zelt krieche, um mich dann sofort mit Fragen zu befeuern. Ich bin froh, als wir gegen halb 6 losgehen und die meisten noch schlummern. Und ich bin froh den sanitären Anlagen zu entgehen, die ein echter Graus sind, wenn so viele Menschen sie benutzen.

Wieder auf dem Rad genießen wir die kühle Luft und radeln nach einem kurzen Anstieg über eine hübsche Hochebene. Wir nutzen den Schatten eines Hinweisschildes für unser Frühstück und zuckeln dann noch eine Weile weiter, bis wir am frühen Mittag ein Restaurant erreichen, das einen kleinen Garten hat, in dem wir unsere Matten für den Mittagsschlaf ausbreiten dürfen.

Dann fahren wir wirklich durch Wüste, die Dörfchen gleichen Oasen und die Gebäude sind einstöckige Flachdachhäuser. Wir wissen nicht so recht, was unser Ziel heute sein soll und so halten wir hie und da, um Übernachtungsmöglichkeiten abzuchecken.

Wir müssen wieder einmal diskutieren, weil Daniel immer einen Platz will, der hübsch ist und von der Straße entfernt. Ich dagegen finde es muss einfach nicht einsehbar sein und kann neben der Straße sein. Als wir gerade weiterstrampeln, hören wir ein haarstreubendes Quietschen hinter uns und Daniel wartet auf den Einschlag. Irgendwie schafft es das Auto doch noch an uns vorbei und wir müssen erstmal anhalten. Daniel ist völlig verstört und macht sich Vorwürfe, dass er nicht schnell genug reagiert hätte. Ich nehme ihn in den Arm und beschließe, dass wir uns ausruhen müssen. Wir steuern einfach direkt auf den Garten neben uns zu. Wir werden von einem kläffenden Hund begrüßt, doch dann erscheint auf meine Salam-Salam-Rufe hin auch ein Zweibeiner. Wir fragen Mojtaba, der uns sofort sympathisch ist mit seinen braunen Mandelaugen, ob wir unser Zelt in seinem Garten aufstellen dürften und er stimmt zu. Es ist ein herrlicher Platz unter Walnussbäumen und wir knabbern erst einmal ein paar Sonnenblumenkerne gegen den Schreck.

Der Sonnenuntergang ist golden und Mojtaba bringt uns von dem frischen Brot, das er gerade gekauft hat. Das wird unser Abendessen und nachdem wir den beiden Jungs etwas zum knabbern zum Boxkampf, den sie gerade im Fernseher verfolgen, gebracht haben, legen wir uns schlafen. Das alles soll einmal ein Ausflugsrestaurant mit Pool werden und wieder einmal sind wir ganz unverhofft die ersten Gäste.

Wir radeln weiter und decken uns in einem Städtchen mit Frühstück ein – ich suche noch nach einem netten Plätzchen zum frühstücken, da ist das Städtchen schon wieder vorbei. Wir halten an der nächsten Baumgruppe, die wieder arg vermüllt ist, wie so vieles des Golestan Nationalpark auch. Als ich mich auf unsere Matte setze, um das Obst für unser Müsli zu schneiden, kann ich nicht mehr. Ich heule. Es nervt mich so sehr dauernd dieses ganze Zeug tragen zu müssen, dauernd diesem fiesen Frauenbild ausgesetzt zu sein und dann keinen Rückzugsraum zu haben, um meine Reserven wieder aufzufüllen. Ich wimmere so vor mich hin und Daniel sitzt etwas hilflos neben mir und versucht mich mit Worten zu trösten. Es erleichtert mich ein wenig Tränen in den Joghurt, der vor mir steht zu tropfen und als der nächste Iraner kommt, um uns zu sich nach Hause einzuladen, hab ich mir wenigstens schon einmal über das Gesicht gewischt.

Wir radeln weiter und es wird noch ein fieser Anstieg, bis wir oben am Pass ankommen und erstmal Obst von einem Bauern kaufen. Dann segeln wir den Berg hinunter, in Richtung eines Cafes, welches Daniel sich vorher schon ausgeguckt hatte. Schon als ich das Cafe betrete und mir der Geruch von frisch gemahlenem Kaffee entgegenschlägt, fühle ich mich besser. Es ist ein Ort, an dem ich mich nicht mehr so fremd und verloren fühle. Und als Tohid, der Besitzer auf uns zukommt, mir die Hand gibt (!) und uns mit feinstem englisch verwöhnt, muss ich ihm sofort gestehen, dass er mir heute das Leben gerettet hat. Einfach weil er mich normal behandelt.

Wir werden drei Tage in Bojnourd festkleben, viel guten Kaffee trinken und eine Reihe wundervoller Menschen kennenlernen. Tohid wird uns mit gutem Essen verwöhnen und uns, nachdem er sein Cafe und sein Restaurant gegen Mitternacht geschlossen hat, etwas von seiner Stadt zeigen. Im Gegenzug werde ich ihm zeigen, wie man Kartoffelgratin und Quiche zubereitet und ihn so für sein Lunchangebot inspirieren. Wir schließen diesen chaotischen, ruppigen, intelligenten und überzeugungsstarken (No you can not pay your ice cream!) Mann mit den blitzenden blauen Augen in unsere Herzen und die Abschiedsszene ist wieder einmal groß. Wir bezahlen in diesen drei Tagen zum ersten Mal seit 5 Wochen für ein Hotel, um uns Privatsphäre zu gönnen und uns mental zu erholen. Und es funktioniert. Als wir losfahren, bin ich wieder bereit. Trotzdem sind Tohid und seine Freunde meine HeldInnen. Sie haben mich – zumindest zeitweise – vor dem Wahnsinn gerettet.