Precious Persia – Iran #5

Nach dem anstrengenden Pass sind wir froh, die Aussicht auf einen Ruhetag bei Sassan in Sari zu haben. Den restlichen weg nach Sari schaffen wir noch vormittags mit einem 25er Schnitt bergab. Und wie es der Zufall will, treffen wir Sassan in der Stadt. Er zeigt uns den Weg zu sich nach Hause und uns erwartet ein kleines Schlösschen inmitten von Orangen-und Nektarinenbäumen.

Wir dürfen erstmal duschen, kühle Melone schlemmen und uns ausruhen, im Garten die reifen Früchte direkt vom Baum essen und mit den Hunden spielen – und das alles ohne nervige Hijab für mich! Wir gehen am nächsten Tag zum ersten Mal im kaspischen Meer schwimmen, natürlich in Hijab-Vollmontur und genießen es, dass wir hier auch mal abspülen dürfen, anstatt zum gastlichen Nicht-Helfen verdonnert zu sein, wie es oft der Fall ist im Iran. Sassans Familie reist viel und da er auch eine Radreise plant, fragt er uns vieles und wir teilen unsere Erfahrungen gerne.

Dann geht es weiter irchtung Golestan National Park. Die ersten Kilometer sind wieder eher unspektakulär und werden nur von von kleinen, schönen Überraschungen unterbrochen: ein Eislaster hält neben uns und wir bekommen ein kühles Eis in die Hand gedrückt. Über sowas machen wir sonst immer Witze. Höhö, guck ma da fährt der Eislaster, den rauben wir jetzt aus. Im Iran werden also auch solche Träume wahr.

Gegen Abend sind wir auf der Suche nach einem Übernachtungsplatz und Daniel folgt spontan seinem Gefühl, als er hinter einem offenen Tor ein paar erhöhte Sitzgelegenheiten erspäht. Wir werden von einem älteren Herrn hereingebeten und nehmen sofort die kühle Brise wahr, die von dem großen Becken in der Mitte des Hofes kommt. Dies wäre ein wunderbarer Platz um zu schlafen und wir fragen vorsichtig, ob wir hier schlafen und essen können. Bekhen, dem das Ganze gehört, nickt zustimmend. Er ist ein großer, schlanker, sanfter Mann mit blauen Augen und er erklärt uns, dass das Fischrestaurant noch nicht offen ist, er aber bereits Forellen im Becken hat und sein Vater jetzt kurz losfährt, um Grillkohle zu besorgen. Wir bekommen in der Zwischenzeit selbstgemachtes Brot, frische Feigen vom Baum und einen Tee. Dann lässt man uns ein wenig ausruhen.

Überhaupt ist Bekhen sehr zurückhaltend, aber als ich mich neben ihn stelle, um ihm beim grillen zuzusehen, freut er sich sichtlich und erklärt mir, dass er eigentlich Ingenieur ist, aber lieber draußen arbeitet und deswegen das Restaurant aufgebaut hat. Er bekommt die Fische aus einer Zucht aus den Bergen, hat aber Probleme damit, dass viele sterben, wenn es warm ist. Am Ende bekommen wir ein deluxe Abendessen mit köstlich gegrillter Forelle, Kartoffeln und kleinen Tomätchen. Beken ißt mit uns und es ist ein sehr schöner Abend.

Am nächsten Morgen möchten wir gerne für alles bezahlen, aber Bekhen winkt ab: “You are my guests.” Wir insistieren und am Ende nimmt er den Einkaufspreis für die Fische. Wir sind froh, dass er wenigstens das tut. Er freut sich riesig über den kleinen wanderwonder-Zettel, dem wir ihm geschrieben haben und wir müssen darauf unterschreiben – das erste Autogramm der Reise.

Wir radeln fröhlich weiter, werden ein paar Mal für die üblichen Selfies angehalten und einmal von drei Jungs, die uns in das Hotel in ihrer Stadt einladen. Wir sind etwas perplex, aber die drei sind nett und das Angebot ist verführerisch. Endlich mal wieder etwas Privatsphäre. Wir werden es aber erst für die nächste Nacht schaffen, sie finden es trotzdem toll und alle gehen wieder ihrer Wege. Wir landen gegen Mittag in einem Wald – es ist wunderbar unter den Bäumen im Schatten zu chillen und wir beschließen hier auch gleich die Nacht zu verbringen – unsere erste ruhige Nacht seit langem.

Morgens machen wir uns auf den Weg in “unser Hotel”. Unterwegs treffen wir noch zwei Radlerfreunde aus Deutschland. Wir quatschen so lange, dass Hossein, einer der Jungs vom Vortag schon unruhig in unsere Richtung gefahren ist, weil er nicht glauben konnte, dass wir so lange brauchen. Er eskortiert uns ins Hotel. Dort bekommen wir ein gemütliches Zimmer, machen uns frisch und essen dann im Restaurant ein leckeres Mittagessen. Hossein macht eigentlich seinen Doktor in Luftfahrttechnik in Barcelona, ist aber gerade auf Heimaturlaub im Iran und wir genießen es uns so gut auf englisch unterhalten zu können. Er ist übrigens ein ganz reales Opfer des Tröten-Trump, der das Einreiseverbot in die USA für 7 verschiedene muslimische Länder, darunter der Iran, verhängt hat. Sonst wäre er bei einem Kongress in Atlanta, aber so nimmt er sich die Zeit und fährt uns nach unserem Mittagsschläfchen in die nächste Stadt, zeigt uns den antiken Gonbad-e Kabus-Turm, wir lassen uns in turkmenischer Tracht fotografieren und schlemmen ein traditionelles Eis mit Rosenwasser. Abends fahren wir in ein Restaurant in den nahen Bergen, essen turkmenische Spezialitäten und Zuckerwatte – der Traum eines jeden kleines Mädchens- zum Tee – unglaublich.

Die Turkmenen sind übrigens eine ethnische Minderheit mit ca. 2 Millionen Vertretern im Iran. Ursprünglich Nomaden haben sie sich viele ihrer Traditionen und ihre eigene Sprache bewahrt. Noch eine Besonderheit im Iran: Ethnische Minderheiten werden hier höchst respektiert. Man erzählt uns öfter von verschiedensten Minderheiten und lobt deren Musik, Sprache oder Traditionen. Das beeindruckt mich sehr, wenn man bedenkt, dass in anderen Teilen der Erde Unterschiede dazu genutzt werden, um gegeneinander zu hetzen.

Den Rest unseres Aufenthalts in Minudasht kennt ihr bereits als Bildergeschichte: Am nächsten Tag machen wir ein deluxe Touriprogramm zusammen mit Ali, dem das Hotel gehört und Mohammed, der zu Besuch bei Hossein ist. Wir fahren mit einem normalen Auto eine unbefestigte Straße durch den Wald, essen in einem Dorf, Dugh, eine einheimische Spezialität aus Joghurt und Molke zu Mittag, hätten reiten dürfen, wenn der Gaul nicht versucht hätte mich aufzufressen und machen noch einen adrenalingeladenen Paragliding-Flug.

Da Daniel das erste Mal fliegt, ist der Pilot gnädig und es gibt ein paar kleine Runden am Berg entlang, die Daniel viel Freude bereiten. Irgendjemand erzählt dem Piloten, dass ich schon öfters geflogen bin und er nimmt das als Anlass sehr, sehr hoch zu fliegen und dann in einem halsbrecherischen Manöver eine hübsche Spirale nach unten zu beschreiben, die mir fast den Magen umdreht. Landen klappt auch nicht so gut und wir verfehlen nur knapp einen Busch. Mir ist zwar übel, aber wenigstens bin ich wieder auf dem Boden – ich beschließe lieber wieder Tandem mit Daniel zu machen, das ist echt weniger aufregend. Die geplante Kameltour schaffe ich heute nicht mehr – noch mehr Geschaukel macht mein Magen nicht mit.

Kein Problem, Hossein lädt uns kurzerhand zu sich nach Hause ein, wo seine Mutter uns mein iranisches Lieblingsessen Mirsha Gashemi aus Auberginen und Tomaten zaubert und wir haben einen relaxten Abend auf dem schönen Perserteppich.

Am nächsten Morgen wollen wir nun wirklich den grünen Golestan erreichen und strampeln los.