Precious Persia – Iran #4

Nach einer längere Pause wieder in die Pedale zu treten, ist immer schwer. Da ist diese süße Sicherheit eines gemütlichen Betts und einer Toilette, auf die man sich jederzeit setzen kann. Man hat diese kleinen Annehmlichkeiten lieb gewonnen und klebt an ihnen wie ein Kaugummi. Wieder zu starten, heißt sich immer wieder ins Abenteuer zu stürzen, ins Ungewisse, es heißt Entscheidungen am laufenden Band zu treffen und offen zu sein für Neues. Und es heißt Abschied nehmen.

Wir waren mehr als 10 Tage in Teheran. Es war die längste Pause, die wir bisher in unserer fast 4-monatigen Reise gemacht haben – dementsprechend anstrengend war es das Kaugummi abzustreifen. Das einzige was hilft: das Vertrauen darauf, dass man schnell wieder in den Reisemodus schalten wird. Wirklich wieder loszukommen ist also nur schwer, bis es soweit. Ist alles gepackt und am Rad, der erste Fuß eingeklickt und das Selfie gemacht, kann es wieder losgehen.

Wir stehen sehr früh auf, um den Chaos-Verkehr in Teheran zu umgehen. Und es klappt tatsächlich. Wir eiern auf großen Straßen durch Vorstädte und machen erst eine Pause, als wir unser klein gestecktes Tagesziel fast erreicht haben. Wir halten an und frühstücken und ich bin genervt. Schon wieder so eine hässliche Straße, schon wieder über 40 Grad morgens um 10 und die Aussicht, dass es die nächsten 4 Tage nicht besser werden wird, weil wir auf einer Bundesstraße durch die Wüste drücken werden. Ich bin unzufrieden, weil ich es in den Tagen in Teheran nicht geschafft habe mich aufzuraffen und einen Zug zu den reichen Kulturstätten des Iran zu finden, wie es einige unserer Radlerfreunde gemacht haben. Ich bin es inzwischen so gewöhnt aus eigener Kraft ein Ziel zu erreichen, dass ich keine Lust habe in einem Zug oder Bus zu sitzen. Da allerdings ich unsere Kulturministerin auf dieser Reise bin und Daniel meist keine große  Lust hat Touripunkte zu besuchen und dann eben wie ein Touri behandelt zu werden, besuchen wir keinen der Punkte, von denen die Iraner sagen, man muss sie gesehen haben, um sagen zu können man habe den Iran besucht: die wunderschön Bogenbrücke So-o-se Pol von Isfahan, das antike Persepolis und das beeindruckende Shiraz. Erschwerend hinzukommt, dass wir Zeitdruck haben, weil uns unser fixes Einreisedatum für Turkmenistan treibt.

Wir beschließen erstmal unseren Warmshower Host Ali aufzusuchen und dann weiterzudenken. Ali hat ein Restaurant, in dem wir uns treffen. Nach einer kleinen Tour durch die Stadt und einem Besuch bei seinen Schwestern nimmt Ali uns mit in seine kleine Oase außerhalb der Stadt. Daniel darf seine Radlerbräune zeigen und fläzt sich wie ein junger Gott mit den Trauben, die im Ali noch kurz im Garten pflückt in den Pool. Ich bin auch froh aus meinem Schwangerschafts-Zelt und meinem Kopftuch zu kommen und so erleben wie einen entspannten Nachmittag am Pool. Der restliche Tag verläuft dann etwas chaotisch, weil Ali uns länger in der Oase zurücklässt und wir dann erst abends um 11 essen und das Tandem in die Oase fahren, um dort zu übernachten. Bis wir im Zelt liegen ist ein Uhr morgens und wir müssen um 6 aufstehen – das klingt nach wenig Schlaf!

Die Morgenstimmung ist immer wunderschön, aber zum genießen bleibt wenig Zeit, wir wollen hurtig loskommen. Wir fahren ein paar Kilometer und ich habe einen riesigen Widerstand in mir. Ich will nicht 5 Tage durch die Wüste und dann nochmal 10 an der großen Verbindungsstraße zwischen Teheran und Mashad entlangfahren. Ich will etwas von den Schönheiten dieses Landes sehen und nicht nur staubige Strassen. Dabei wird mir bewusst, dass es wahrscheinlich nicht mal die Städte sind, die ich so unbedingt sehen möchte, sondern dass ich gerne die Naturschönheiten, wie den Nationalpark im Nordosten des Landes sehen will. Ich teile meine Gedanken mit Daniel. Er reagiert unwirsch, weil er bereits die nächsten 2 Warmshowers organisiert hat und ich ihm mit meinen Überlegungen ebenfalls die Motivation zum Weiterradeln nehme. Wir halten am Straßenrand und Daniel stellt mich vor die Wahl. Noch 25 Kilometer bis zur nächsten Stadt. Dort können wir unseren geplanten Weg fortsetzen oder direkt in die Berge abbiegen. Berge bedeuten mehr Kilo- und mehr Höhenmeter, plus keine sichere Unterkunft. Ich bin hin-und hergerissen, hadere damit, dass ich Daniel mit meinen Überlegungen so aus dem Gleichgewicht gebracht habe. Ich denke noch: Mmh so ganz ohne Info über die Infrastruktur, die durch die Berge führt loszuradeln ist ziemlich unvernünftig. Wr brauchen mindestens alle 30 km Wasser, wenn es so heiß ist. Aber ich kann nicht anders. Ich muss mich für den Weg ins Ungewisse, für wenigstens die Hoffnung eines einigermaßen hübschen Wegs und für unsere Freiheit entscheiden. Noch einen Tag bei einem liebenswürdigen Warmshower, der uns mit seiner Fürsorge fast erdrückt, halte ich nicht aus. Ich will essen, schlafen und mich ausruhen, wenn ich will. Also ab in die Berge. Daniel sagt er will, dass ich entscheide, er zieht dann mit. Ich nehme die Verantwortung auf mich und los gehts. Wir sagen den Warmshowers ab, was mir vor dem Hintergrund, dass diese lieben Menschen uns aufnehmen wollten und wir so kurzfristig absagen sehr leid tut. Aber sich für sich selbst zu entscheiden ist manchmal einfach mit Enttäuschungen für andere verbunden. Aber einfach in einer Situation zu verharren,  um es anderen recht zu machen, ist zu diesem Zeitpunkt einfach keine Option.

Daniel plant die Route um und wir strampeln unserem neuen Ziel entgegen. Ich fühle mich befreit und freue mich, mein eigenes Ding durchziehen zu dürfen. Als wir unseren Abzweig in der nächsten Stadt nehmen und ich die ersten Kamele am Straßenrand stehen sehe, frage ich mich ob ich nicht doch lieber nochmal checken hätte sollen ob es unterwegs Wasser gibt. Wir fahren durch eine unwirkliche Wüstenlandschaft, bergig, gleißend hell, der Tacho zeigt 49 Grad in der Sonne.

Ich bin wieder einmal erstaunt was so ein Körper leisten kann und wir trinken wie wild, um unseren Wasserhaushalt intakt zu halten. Wir halten an einer Tanke, um zu fragen, ob in den nächsten 30 Kilometern etwas kommt, wo wir die größte Mittagshitze ausharren können. Google Maps ist in manchen Landstrichen hier nicht die verlässlichste Quelle und ohne Unterstellmöglichkeit werden wir bei lebendigem Leib gebraten. Man versichert uns, dass etwas kommt und wir dampfen weiter. Kurz vor 2 habe ich genug und wir finden in einem kleinen Dorf einen der obligatorische Pärke mit kleinen Hüttchen zum Unterstellen, die die Iraner selbt sehr gerne nutzen, um Pause zu machen. Wir blasen unsere Matten auf und machen erstmal ein Nickerchen.

Wir verbringen den Nachmittag mit Essen und mehreren Schwätzchen mit dem Kioskbesitzer, der uns zwischen seinen Kunden immer wieder besuchen kommt. Gegen 16 Uhr starten wir wieder in die heiße Luft hinaus und müssen noch ein paar fiese Höhenmeter bewältigen.

Kurz vor unserem Tagesziel werden wir von einer Familie gestoppt und man fragt, ob wir Wasser wollen. Da wir das haben, bringt man uns „Saft“. Daniel nimmt einen herzhaften Schluck und schaut mich mit blutunterlaufenen Augen hustend an : „Das ist Schnaps“. Ich nehme ihm das Glas ungläubig aus der Hand und nehme selbst einen Schluck, der in meinem Hals brennt. Tatsächlich. Alkohol mitten auf der Strasse in einem Land, in dem das bei hohen Strafen verboten ist – ganz zu schweigen davon, dass wir körperliche Höchstleistungen vollbracht haben und jetzt auf leeren Magen einen Schnaps kippen. Daniel schlürft das Zeug freudig aus und unser Wohltäter meint grinsend: „This is a free country.“ Ja genau deswegen läuft mir auch gerade der Schweiß unter meinem Kopftuch hervor.

Wir kommen erschöpft in der nächsten Stadt an und wollen dort im Park campen. Wir setzen uns kurz auf die Mauer um wegen unseren Visa in Deutschland anzurufen. Da kommen Sara und ihr Mann Mahmoodreza um die Ecke und fragen uns ohne Umschweife ob wir bei ihnen übernachten wollen. Kein kurzes Kennenlernen, keine abchecken, ob wir evtl. gefährliche Genossen sind, sondern einfach diese herzliche Einladung in ihre Privatsphäre. Wir nehmen gerne an. Wir verfolgen ihr Auto bis zu einem wunderhübschen Häuschen mit riesigem Garten ein wenig außerhalb der Stadt und lernen Saras Eltern und ihre kleine Tochter Helma kennen. Es wird Obst gereicht – lustigerweise wieder mit einer Gurke, die hier auch eine Frucht und kein Gemüse ist – und ein seltener Kaffee, wir quatschen und spielen mit Helma kochen, die nicht zu verstehen scheint dass ich kein Wort von ihrem persisch Wortschwall kapiere. Sie erwartet auch keine Antwort und quatscht einfach freudig drauflos. Am Ende bekomme ich einen Kuss. Sie ist ein Sonnenschein.

Wir dürfen den Garten besichtigen und reife Aprikosen vom Baum naschen, dann zeigt man uns die Aussicht von der oberen Terrasse und lässt uns auf der Veranda auf gemütlichen Kissen chillen bis es ein unglaublich leckeres Abendessen gibt. Dann ist man so zuvorkommen uns ins Bett zu schicken, weil man versteht, dass wir ziemlich kaputt sind. Man stellt extra den Generator für uns aus und kümmert sich rührend darum, dass wir trotzdem noch Licht mit einer Gaslampe bekommen. Als wir um 5 aufstehen, sind alle bereits wach, weil das Morgengebet bereits zu verrichten war. Man packt uns Essen ein, dass uns für 2x Frühstück und 2x Mittagessen reichen wird und drückt und knutscht uns zum Abschied – was für wunderbare Menschen!

Back on the road genießen wir den Morgen und wie all die iranischen Urlauber, die einfach am Straßenrand gezeltet haben, langsam erwachen. Wieder denken wir: Der Iran ist das einzige Land auf dieser Erde, in dem wir ganz beruhigt in einem öffentlichen Park oder eben in der Stadt am Straßenrand übernachten würden. Hier hat der Überwachungsstaat nämlich seine Gutes: Sicherheit ist gegeben. Und es sind immer viele Familien unterwegs, die einem ein heimeliges Gefühl geben.

Auch an diesem Tag gibt es ein kurzes Frühstück und eine lange Pause über Mittag. Die Straße ist sehr wellig und anstrengend und der letzte Anstieg bringt mich fast um. Ich muss mich auf der Passhöhe auf 2000 Metern erstmal auf den Boden setzen. Dann bringt ein älterer Mann uns eine Suppe. Ich könnte ihn küssen. Ich schlürfe glücklich das salzige Essen und wir kommen mit Sassan ins Gespräch. Er und seine Freundin Neda kommen gerade von einem Ausflug aus Teheran zurück und er lädt uns ein, ihn doch besuchen zu kommen in Sari, einer Stadt, die knapp 100km entfernt ist. Wir freuen uns und sagen wir melden uns, wenn wir da sind.

Wir eiern erschöpft noch 20 km bergab. Dort frage ich an einem Restaurant, ob wir irgendwo unser Zelt aufschlagen können. Der nette ältere Payam verfrachtet uns kurzerhand in einen Koranlernraum, macht uns Tee und Abendessen und erzählt uns, dass die spektakuläre Eisenbahn, die uns schon seit dem Pass begleitet von den Nazis gebaut wurde. Sie haben sie benutzt, um Nachschub für die Offensive gegen Russland zu transportieren. Das ist auch der Grund warum es ein kleines Kirchlein hinter dem Restaurant gibt – ein extrem seltenes Bild im Iran. Payam kann auch ein paar Wörter deutsch, weil seine Mutter einmal wegen des Herzens in einem deutschen Krankenhaus in Lübeck war.

Wieder einmal sind wir nicht nur geplättet von der spontanen Herzlichkeit der Iraner, sondern auch von dem hinter unds liegenden Pass. Wir freuen uns darauf einen Ruhetag bei Sassan einzulegen und versuchen bei rückender Hitze in der Koranschule einzuschlafen.