Precious Persia – Iran #3

Das Unvorstellbare reißt nicht ab. Der Iran überrascht uns jeden Tag von Neuem und wir fragen uns, wie man diesen positiven Kulturschhock überlebt, wenn man sich nicht langsam daran gewöhnen kann – und wie wir dieses Land je wieder verlassen sollen, ohne den Rest der Welt als unfreundlich zu empfinden.

Am Morgen nach der Maiskolben-Erscheinung regnet es erstmal. Wir kommen spät los und eiern weiter am kaspischen Meer entlang. Das Radeln im Iran ist nicht so schön, weil man immer auf den grösseren Strassen unterwegs und viel Verkehr ist, wegen der Ferien. Aber wie gesagt, die Menschen machen das mehr als wett.

In denn folgenden Tagen erleben wir eine Reihe von Dingen, die uns keiner, inklusive uns selbst glauben würde, würden wir uns nicht im Iran befinden. Es beginnt mit einem Bus voller Frauen, der an uns vorbeifährt. Sie winken wie wild und ich winke zurück. Der Bus hält ein paar hundert Meter vor uns. Das passiert oft, meist lassen sich die Iraner von uns erstmal überholen, um beim zweiten Stopp dann aus dem Auto zu springen und uns an den Rand zu bitten. Die Damen sind hier jedoch direkter und wir halten. Ich laufe zum Bus vor und schüttle Hände, die mir aus dem Bus entgegengestrekt werden. Dann zieht man mich in den Bus. Ich bin verschwitzt und pfui und sehe mich um ca. 20 wunderhübsch zurecht gemachter Frauen gegenüber. Man küsst mich, umarmt mich und gibt mich von einer zur anderen weiter. Dann passiert das:

Wieder auf der Strasse bleiben wir ein wenig verstört zurück. Tanzen ist für Frauen im Iran in der Öffentlichkeit verboten. Es gibt eine grüne Sittenpolizei, die das kontolliert, aber zum Glück war da wohl grade keine unterwegs. Wir radeln langsam weiter, immernoch überwältigt von dieser Lebensfreude.

Plötzlich bremst Daniel stark und wir halten neben einem jungen Mann, der uns Dosen mit einem gekühlten Getränk entgegenstreckt. Ahad hat uns gerade auf der Strasse entdeckt und lädt uns kurzerhand zu sich nach Hause ein. Zum Abendessen und zum Übernachten. Wir sind platt – wie kann man komplett Fremde so von der Straße ziehen? Leider müssen wir die herzliche Einladung ablehnen, da wir bereits bei einem Warmshower angemeldet sind. Schweren Herzens treten wir wieder in die Pedale.

Durch unsere kleinen, herrlichen Unterbrechungen ist es spät geworden, als uns Hamidreza in seinem Haus empfägt. Wir bekommen eine eigene kleine Einliegerwohnung und sollen uns ersteinmal ausruhen, bevor er uns seiner Familie vorstellt. Gerne nehmen wir das Angebot an. Als wir nach oben gehen empfangen uns dort seine Mama und seine beiden Schwestern Golsa und Shekiba. Mama in Kopftuch und Mantou, seine Schwestern in Leggins und Shirt und mit unbedeckten Haaren. Man bedeutet auch mir alles abzunehmen und ich nehme froh an.

Nachdem ich meine Familie gezeigt habe und wir ein wenig ausgeruht sind, geht es auf Entdeckungstour durch die Stadt. Wir gehen an den Strand und in eine Mall. Die 18-jährige Golsa ist Instagram-Verrückt um es gelinde auszudrücken und so posiere ich für gefühlte 3 Millionen Fotos.

Dann werden wir durch die Mall geschleift und die geballte Konsumstärke des Iran prasselt auf uns nieder. Vor dem Abendessen gibt es noch leckeres Eis, dann geht es nach Hause. Die ganze Familie isst zu Abend, nach dem obligatorischen Tee geht es ins Bett. Wir beschließen einen Ruhetag zu machen, nachdem uns Hamidreza anbietet noch eine Nach zu bleiben und schlafen erstmal aus. Wir verbringen einen herrlich entspannten Tag mit Hamidreza, Golsa und den Eltern. Allein Shekiba muss an diesem Tag arbeiten. Nach dem traditionellen Mittagessen schickt man uns zum Mittagschlaf und wir müssen wiederholt feststellen: das Ziel eines jeden Iraners ist es, dass der Gast sich wohl fühlt. Auch wenn man gerne mit uns quatschen würden, man sieht, dass wir erschöpft sind und gönnt uns die Ruhe. Ganz erstaunlich emphatisch.

Nach dem leckeren Frühstück mit Feigenmarmelade aus dem eigenen Garten, wie so vieles in iranischen Haushalten, radeln wir wieder weiter. Es geht ab in die Berge, wir wollen über einen 3000-er Pass nach Teheran fahren.

Wir werden auf dem Weg gleich von 4 Personen gleichzeitg angehalten, 2 davon schenken uns frische Melone, liebevoll in kleine Stücke geschnitten, zwei davon bieten uns Übernachtungsmöglichkeiten an. Unfassbar.

Mahmud ist gerade auf Heimatbesuch in Marzan Abad und lädt uns ein bei seinem Bruder zu übernachten. Vorher packt er uns noch in sein Auto und bringt uns zu einem außergewöhlich schönen Restaurant, wo wir lecker zu Abend essen und viel über die Geschichte des Iran erfahren, z.B. dass die die Iraner darauf bestehen, dass die Menschenrechte vor 2500 Jahren von König Kyros II zum ersten Mal niedergeschrieben wurden.

Im Haus seines Bruders gibt es ein Apartment allein für Gäste, es ist ein kleiner Palast und sein Bruder steht gegen 11 mit frischem Obst vor der Tür. Es ist einfach nicht zu glauben.

Mahmud ist am nächsten Morgen bereits weg als wir aufstehen, weil er geschäftliches zuerledigen hat, sein Bruder steht aber 5 Minuten nachdem ich Mahmus schreibe, dass wir wach sind, mit einem 5-Sterne Frühstück vor der Tür. Ich kann meine Kinnlade kaum wieder einpacken. Sowas.

Wir radeln stetig bergauf weiter und treffen auf Tim und Andi, ebenfalls Radler und schnaken ein wenig. Dann drücken wir weiter. Wir wollen 45 km schaffen an diesem Tag. Alles stetig bergauf. Der Verkehr ist dicht, die Strasse eng, Daniel muss den Lenker stehts gerade halten und das nagt an seinen Nerven. Alle vorbeifahrenden Autos möchten uns Hallo sagen, gratulieren uns, heißen uns willkommen oder fragen, woher wir kommen. Das sind teils gefährliche Manöver, weil der Fahrer beim Überholmanöver aus dem Beifahrerfenster schreit und uns dabei oft erschreckend nahe kommt. Irgendwie kann man es ihnen auch nicht übel nehmen, sie meinen es nur nett. Zwickmühle. Ich versuche mit meinem Arm eine Art Abstandshalter zu kreeiren – das hilft ein wenig, trotzdem bleibt das Ganze anstrengend. Dann regnet es auch noch stark. Wir erreichen auf dem letzten Zahn das Dorf, in dem Mahmud uns treffenn will. Er hat nämlich seinen Onkel aus Teheran gefragt, ob wir in seiner Villa übernachten könnn. Dafür kommt die ganze Familie aus Teheran angereist. Klingt wirklich unglaublich oder?

Wir müssen noch eine Weile auf die Familie warten, da der Verkehr so dicht ist. Wir dürfen in den warmen Einraumraum der Angestellten. Sie sind Afghanen und verdienen im Iran das Geld, das sie nach Haue senden. Ich mag die beiden Jungs auf Anhieb, sie erinnern mich an meine afghanischen Freunde in Deutschand und sie sind genauso sacht, zuvorkomend und liebenswürdig, wie ich die Afghanen kenne. Ich habe viele unschöne Geschichten über Afghanen im Iran gehört, wie sie diskriminiert werden, u.a. weil sie einer anderen islamischen Glaubensrichtung angehören. Aber diese beiden hier scheinen ein gutes Auskommen zu haben und ich muss wieder daran denken wie sehr ich hoffe, dass die deutsche Bundesregierung keine Abschiebungen mehr nach Afghanistan zulässt.  Das ist ein Land voller Willkür gegen Zivilisten und wieder bin ich tief betrübt, dass ein Land wie Deutschland nicht mehr für diese feinen Menschen tut.

Wir verbringen einen wunderbaren Abend bei romantischem Stirnlampenlicht – die Stromversorgung zickt – im Herzen der Familie Radaei und freuen uns über die vielen Fragen und die paar Brocken deutsch die die niedliche Schwiegertochter mit uns wechseln kann. Wir bekommen trotz Protest unser eigenes Zimmer, genau wie Mahmud, der auch Gast ist. Der Rest der Familie, also Papa Shabmer mit Frau Hamide, die Kinder, Enkel und sogar Großmama schlafen zusammen im Wohnzimmer.

Nach einem gemütlichen Frühstück verabschieden wir uns in den nassen Mittag und ächzen weiter bergauf. Die Einladung zum Mittagessen mussten wir leider mehrmals ausschlagen, weil wir mit dem Rad so langsam sind, was nicht ganz einsehbar ist für alle, die kein Rad fahren. Kaum auf der Strasse fährt ein Bus voller Frauen an uns vorbei. Unglaublich aber wahr, die welt ist klein, es wird wieder getanzt:

Natürlich werdenn wir dann zum übernachten eingeladen und sagen voller Inbrunst zu. Wir radeln an diesem Tag noch bis auf 2650 Meter, müssen den 3000-er Pass wegen Erdrutschen im vergangenen Jahr jedoch leider auslassen. Wir fahren durch mehrere schlecht belüftete Tunnel und haben eine harte Zeit, die liebe Einladung einzuhalten, da wir hart an den Grenzen unserer physischen und psychischen Belastbarkeit sind: viele, viele harte Kilometer bergauf, viele laute und stickige Tunnel, viele lieb gemeinte „Abdrängversuche“ von interessierten Iranern, kaltes Wetter, Regen und dann noch eine Stadtfahrt im Dunkeln hinter den Mädels, die in einem Auto voraus fahren her, weil leider keine von ihnen einen Standort senden konnte, damit wir sie finden. Daniel ist am Rand. Und als die Tür der Wohnung aufgeht und der ganze Hühnerhaufen uns tanzend empfängt, klappt er fast zusammen.

Ich schicke ihn duschen und mache gefühlte 20 Millionen Fotos mit der ganzen Schar. Wir bekommen ein aufwendig gekochtes hausgemachtes Abendessen, das locker die 23 Anwesenden versorgt und dürfen nach der obligatorischen Melone ins Bett.

Wir schaffen es irgndwie das Frühstück liebenswürdig auzuschlagen und nach 5 Stunden Schlaf um 7 in Richtung Teheran aufzubrechen. Es ist Freitag und so bleibt uns der Horrorverkher größtenteils erpart. Wir landen sicher bei Mahtab, der Verlobten Simons, eines Teamkollegen von Daniel.

Die folgenden Tage sind eine Mischung aus schlafen, essen und Dikussionen. Wir sind körperlich am Ende und brauchen viel Ruhe. Mahtab verwöhnt uns zuerst mit leckerem Essen, singt uns Gedichte des Nationaldichters Hafi vor, erzählt uns Episoden aus der bewegten Geschichte Persiens. Nach ein paar Tagen kommen unsere Lebensgeister zurück und wir verwandeln uns in eine eingespielte WG, in der jeder mal das Essen kocht, abspült und den Müll rausbringt. Wir lernen enorm vieles von der intelligenten Mahtab. Sie weiss enorm viel über die Geschichte, über das politische System, über die Künste Persiens. Wir lernen deutsch mit ihr zusammen, sie lehrt uns persisch, wir machen Ausflüge, kümmern uns um unsere fiesen Visaanträge, lassen den Troll einmal schulmedizinisch begutachten und so vergeht die Zeit wie im Flug. Es ist wunderbar ein Zuhause zu haben und einen Menschen, der für iranische Verhältnisse direkt ist und mit dem wir so reibunglsos zusammenspielen. Und es ist scön mal wieder ein Mädchen um sich zu haben, das gaz freimütig ihren Kleiderschrank mit mir teilt und ich nach 3 Monaten wieder einmal eine Auswahl an Klamotten habe. Herrlich! Wir freuen uns schon auf die Zeit, wenn Mahtb in Deutschland wohnt und wir sie mit in die schweizer Alpen zu nehmen!

Zwischendurch passiert noch etwas unglaubliches: Nachdem wir alle neuen Teile, die Simon uns nach Teheran gesendet hat ans Tandem gebaut haben, unternehmen wir eine kurze Probefahrt. Dabei stellen wir fest, dass unser Umwerfer, so ein kleines Rädchen hintem am Schaltwerk, ganz schön runter ist. Wie so oft im Iran stehen sofort ein paar hilfsbereite Männer um uns. U.a. Mo der länger in Deutschland gelebt hat. Kurzerhand wird das Rädchen ausgebaut und einer der Männer fährt mit dem Roller los, um zu sehen, ob eine nahe Werkstatt das Rädchen hat. Als erfolglos zurückkommt, bietet Mo uns an am nächsten Tag mit uns das Rädchen in einem anderen Stadtteil zu suchen. Noch am selben Abend ruft er die Läden an, die er am nächsten Tag mit uns besuchen will und findet eine andere Lösung, als er erfährt, dass diese alle wegen eines Feiertags geschlossen sind. Am nächsten Morgen holt er uns mit einem Freund ab und wir starten eine Odysee durch mehrere Radläden. Er bleibt unglaublich geduldig und am Ende finden wir ein paar coole Jungs, die das Teil haben. Wieder einmal sind wir überwältigt von so viel ernst gemeinter Hilfsbereitschaft. Iraner helfen auch gerne bei unangenehmen Angelegenheiten und das zeichnet sie für uns besonders aus.

Irgendwann hat leider alles mal eine Ende und wir müssen weiter, um unsere fixes Visum für Turkemistan, welches am 20. August beginnt einhalten zu können. Wie kann man sich erneut von einem Soulmate wie Mahtab trennen? Auch das gehört zu reisen. Abschiede, Abschiede, Abschiede von lieb gewonnen Menschen.