Precious Persia – Iran#2

Nach dem ersten tiefen Tief folgen fast nur noch Hochs im Iran und wir tauchen ein in eine Gesellschaft, in der Gastfreundschaft den höchsten Stellenwert genießt, den wir je erlebt haben. Jeder Tag hält Unglaubliches für uns bereit und wir stellen öfters fest: Du denkst es kann nicht mehr verrückter kommen – und dann kommt der Iran.



Nach unserer ersten Campingnacht stehen wir sehr früh gegen 6 Uhr auf, um vor der Mittagshitze den Großteils unseres Pensums zu schaffen. Dieses Vorgehen wollen wir uns zur Regel machen, da es einfach unmöglich ist, von 13-16 Uhr bei 40 Grad im Schatten auch nur ein müde Pedalumdrehung anzustrengen. In der Mittagspause suchen wir uns eines der gemütlichen Restaurants, in denen man auf den erhöhten Sitzgelegenheiten sowohl essen, Tee trinken, als auch seinen Mittagsnap halten kann. Meist sind drumherum auch schöne Garten angelegt und so lässt sich der Mittag sehr angenehm im Schatten verbringen.

Abends erreichen wir unseren ersten Warmshower. Teymor hat eine Sprachschule und wir dürfen mit seinen fortgeschrittenen Schülern eine sehr interessante Stunde verbringen. Die Bandbreite der Interessen erstreckt sich von der Frage was wir von Hilter halten über Fußball bis hin zum Bild, das Europa vom Iran hat. Die Hitler-Frage wird uns noch öfters gestellt werden und soweit wir verstehen, liegt das daran, dass der Iran ein sehr schlechtes Verhältnis zum Staat Israel hat und sich Deutschland gleichzeitig nach dem 2. Weltkrieg zu einer Wirtschaftsmacht entwickelt hat. Deswegen müssen wir die Hitler-Verherrlichung hier immer strikt zurückweisen und man ist überrascht, als wir sagen, dass wir ihn hassen, versteht aber auch, als wir erklären warum.

Wie so oft korrigieren wir auch das Bild vom iranischen Terroristen. Iraner selbst glauben, dass wir in Europa denken sie seien Terroristen, weil sie Muslime und offiziell eine islamische Republik sind. Wir erklären, dass uns in Deutschland viele Menschen geraten haben in den Iran zu fahren, weil es ein so wunderbares Land sei. Die Jungs sind sehr erleichtert und es ist eine wunderbare Erfahrung diesen jungen Männern zuzuhören wie sie das Bild einer Welt entwerfen, die sich nicht über Religion oder Geschlecht definiert und spaltet, sondern in der einfach alle Menschen sind, egal was sie glauben und in der dem anderen die Freiheit gegeben wird selbst zu entscheiden, wie er oder sie leben möchte.

Bei Teymor Zuhause bekommen wir eine willkommene Dusche, eine leckere Suppe und lernen dessen Familie kennen, seine Frau Rooshanak und seinen quirligen Sohn Nima. Um 23 Uhr kommen noch Verwandte vorbei und es gibt Nachtisch. Kurz darauf nimmt mich Rooshanak mit und zeigt mir den Schrank voller Schlafmatten. Ich bin erstaunt und witzle, sie könne den ganzen Iran beherbergen. Später werde ich verstehen, dass es in wenigen iranischen Haushalten Betten gibt – meist werden diese Schlafmatten einfach abends im Wohnzimmer auf den wunderschönen und weichen Perserteppichen ausgebreitet und morgens wieder verräumt. Ich finde diese Art der multiplen Raumnutzung wunderbar und schlafe überall wie ein Baby. Nach einem Frühstück mit noch warmem Brot, Honig und selbstgemachter Marmelade radeln wir gestärkt weiter.

Tagsüber erleben wir immer eine Reihe von wundervollen Überraschungen. Da ist z.B. eine Familie, die uns anhält, um uns Äpfel und Pflaumen zu schenken, zwei Frauen, die stoppen um ein Selfie mit uns zu machen und Menschen, die uns aus dem fahrenden Auto fragen, ob sie uns irgendwie, egal was es ist, helfen können. Das sind alles ernst gemeinte Angebote und wir sind überwältigt, von so viel Anteilnahme und Offenheit. Wir bekommen auch oft etwas geschenkt, wenn wir etwas in einem Laden kaufen und man dankt uns allerort, dass wir den Iran besuchen. Später werden wir mit Entzücken feststellen, dass diese Art der Hilfsbereitschaft, des Schenkens und Willkommenheißens nicht auf Ausländer beschränkt ist, sondern dass die Iraner unter sich ebenfalls so miteinander umgehen. Manchmal ist dieses Verhalten einfach Höflichkeit oder Tàrof, wie die Iraner es nennen. Dabei bietet der Friseur einem z.B. an, dass man nicht bezahlen soll, daraufhin schlägt man das Angebot ebenfalls aus Höflichkeit einmal aus und dann wird er meist einlenken. Wenn dem nicht so ist, dann ist es auch kein Tarof, sondern ein ernst gemeintes Angebot. Wir erleben meist zweiteres, denn es ist einfach, am Gesicht des anderen abzulesen, welche Art des Angebots es ist. Die Iraner selbst sagen uns, dass Ausländer nochmal eine erweiterte Art der Gastfreundschaft erleben und wir wissen genau was sie meinen. Manchmal hat man das Gefühl die komplette iranische Bevölkerung hat sich kollektiv vorgenommen die Jahre der Sanktionen und die manchmal etwas beschwerlichen Vorgaben ihrer Regierung durch pure Herzenswärme und entwaffnend ehrliche Liebenswürdigkeit auszugleichen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl so willkommen geheißen zu werden.

Den folgenden langen Abend verbringen wir in Anzali, einer wichtigen Hafenstadt am kaspischen Meer. Dort empfangen uns Mostafa und seine Mutter in ihrem neu gebauten, geschmackvollen Haus. Mostafa ist eigentlich Computerspezialist hat sich aber die Zeit genommen das Haus komplett selbst zu planen und die Arbeiten zu überwachen, was ihn 2 Jahre gekostet hat. Wir finden es hat sich gelohnt. Wir gehen mit seinem Freund Jalal und dessen Frau Nushin aus, da es Donnerstagabend, also gewissermaßen Samstagabend – im Iran ist Freitag frei – ist. Zuerst geht es Kebab essen, danach spazieren wir am Strand entlang und gönnen uns noch ein „Spaghetti-Eis“ zum Abschluss. Spätestens hier verstehen wir, dass der iranische Essenszeiten ein wenig von unserem abweicht. Frühstück ist zwischen 9 und 10, Mittagessen gibts um 3 und so wird das Abendessen dann meist gegen 10 gereicht. Um 2 Uhr morgens nach dem Eis sind wir also müde, aber der Abend ist voller Diskussionen und Witzen, die zwischen Jalal und Mostafa hin-und herfliegen.

Jalal bittet uns inständig noch einen Tag zu bleiben und noch mehr deutsch mit ihm zu lernen, er möchte gerne nach Deutschland auswandern. Er kann nach 3 Tagen Unterricht bereits erstaunlich vieles sagen und lernt blitzschnell. Mostafa versteht allerdings, dass wir wieder einmal weiterziehen müssen und begleitet uns nach einem Frühstück mit seiner lieben Mutter noch ein Stück mit dem Rad.

Wir machen uns auf nach Lahijan, um den Vater von Simons Verlobten Mahtab zu besuchen. Simon ist ein Freund von Daniel in Deutschland und die beiden haben sich kennengelernt, als Simon im Rahmen seines Auslandssemesters in Teheran studiert hat. Wir werden wieder mit offenen Armen mitten in der Familie empfangen und nach frischem Obst – etwas, dass die Iraner immer essen, wenn sie können und unglaublich lieben und wofür ich sie auch sehr liebe – und einer Dusche geht es auf Entdeckungstour durch Lahijan. Wir gehen schick essen, schlemmen wieder Eis und strollen dann durch den Park, in dem Paare, Familien und Freunde mit Decken im Park sitzen und essen, quatschen oder Wasserpfeife rauchen. Auch da s ist typisch iranisch – Picknick im Park und eine unglaubliche Relaxtheit – man schläft auch gern mal eine Runde auf den gemütlichen Matten – herrlich!

 

Wir kommen am nächsten Morgen nur schwer los, weil Mahtabs Vater uns noch so vieles zeigen möchte, wir aber weiter müssen, bevor es zu heiß wird für uns. An diesem Tag erwischt uns der Regen das erste Mal und wir sind froh, dass wir nach 40 km einen Zeltplatz am Strand finden, der ein Dach hat und an dem viele iranische Familien ebenfalls ihre Zeit genießen. Abends wollen wir essen gehen und fragen einen der Jungs am Kiosk, ob er uns etwas empfehlen kann. Er sagt er zeigt uns ein Restaurant 100 m entfernt. Als er dann mit einem Auto um die Ecke kommt, sind wir ein wenig erstaunt. Ali sagt sein Chef hat ihm frei gegeben, damit er mit uns zu einem guten Restaurant in die nahen Berge fahren kann. Wir sind baff. Er meint unbeeindruckt „einsteigen“ und wir tun wie uns geheißen. Er fährt mit uns zu einem wunderschön gelegenen Restaurant, umringt von Orangenbäumen und Teebüschen, bestellt traditionelles und unglaublich leckeres Essen für uns und erzählt von sich. Er kommt aus Mashad, einer Stadt im Osten des Landes, studiert hier am kaspischen Meer Maschinenbau und verdient mit dem Kioskjob sein Geld dafür. Er liebt deutschen Metall, erzählt über sein Land und seine Pläne und ist mit einer Leichtigkeit präsent, die ungewöhnlich ist, für seine 20 Jahre. Wir sind froh, dass wir bezahlen dürfen, was sich sonst in diesem Land nicht leicht gestaltet. Auf dem Heimweg erzählt er uns noch nebenbei, dass der Manager des Campingplatzes gesagt hat, wir sollten nicht bezahlen für unseren Platz, sondern einfach eine tolle Zeit im Iran haben. Wir sind wieder einmal überwältigt und können uns kaum von Ali trennen.

Als ich den Zipper unseres Zeltes aufziehe, erscheint ein Teller mit zwei gegrillten Maiskolben darunter. Säuberlich nebeneinandergelegt und akkurat mit dem Zeltdach geschützt. Kein Zettel, kein Hinweis, wer der Wohltäter ist. Das ist zuviel für mich. Ich bin zutiefst berührt von so viel zurückhaltender Großzügigkeit. Es nimmt mir den Atem, wie man so wunderbar sein kann. In jedem anderen Land fragst du dich, ob deine Sachen noch da sind, wenn du wiederkommst. Im Iran bist du reicher als vorher.

An diesem Abend möchte ich all diese wunderbaren Menschen drücken und ihnen sagen, dass sie das außergewöhnlichste Volk sind, das ich je getroffen habe. Die kleinen Tiefs sind an diesem Abend vergessen. Ich denke, ein größeres Hoch kann es nicht geben. Und wieder: du denkst es kann nicht verrückter werden – und dann belehren dich die Iraner eines besseren.