Die Türkei in Zeiten des Ramazan

Ich kenne Ramadan bereits aus Indonesien und auch von Freunden in Deutschland und bin neugierig, wie sich der Ramazan, wie er hier heißt in der Türkei, auswirken wird.



Nochmals kurz zur Erklärung: Muslime essen und trinken im Fastenmonat Ramazan 30 Tage lang nur von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Das Fasten soll einen mehr über seine eigene Lebensweise nachdenken lassen, sowie ein wenig nachfühlen lassen, wie es ärmeren Menschen geht, die vielleicht nichts zu essen haben. Kinder bis ca. 14 Jahre, Schwangere und Ältere sind vom Fasten ausgenommen. Man kann auch Ausnahmen machen und die Tage später nachholen, wenn man z.B. als Frau seine Periode hat, mehr als 90 km am Tag reist oder krank ist.

Ich bin erstaunt, als es in den Restaurants kaum Vorhänge in den Fenstern gibt, hinter denen man nach Lust und Laune essen kann, wie ich es aus Indonesien kenne. Vor allem in den Städten ist es ganz normal auch offen in Restaurants auf der Terrasse zu essen. Wir sind ehrlich gesagt ein wenig erleichtert, da wir uns ernsthaft Sorgen v.a. wegen des Wassers gemacht haben, das wir dringend brauchen, wenn wir radeln. Aber es zeigt sich schnell: manchmal fasten sogar auch Menschen, die uns auf einen Çay einladen. Wenn wir dann unserer Entsetzen darüber ausdrücken, dass wir vor ihren Augen essen und trinken, dann wird mit einem Lächeln abgewunken und „No problem, problem yok.“ Es ist allen bewusst, dass wir dem Ramazan nicht folgen und man sieht es auch eher als eine persönliche Entscheidung an, ob man fasten möchte oder nicht. Wie immer ist man da sehr relaxed in der Türkei. Sogar als wir einmal versehentlich eine Çaybar betreten, in der gefastet wird, gibt man uns freundlich zu verstehen, dass wir nichts bekommen, weil der Besitzer fastet. Für uns kein Problem, für ihn kein Problem, alle haben die Möglichkeit selbst zu entscheiden. So empfinden wir es jedenfalls, weil wir keinerlei sozialen Druck ausgesetzt sind. Für Türken oder Türkinnen selbst, könnte das in bestimmten Regionen natürlich anders sein. Unser empfinden ist, dass die Hälfte der Türken fastet und die Hälfte nicht.

Wir bekommen nichts von den nächtlichen Frühstücksgelagen mit, dafür können wir Abends vieles beobachten: Das erste Abendgebet läutet Iftar, das Fastenbrechen ein und die Straßen sind für eine halbe Stunde wie leergefegt. Wir haben das Ganze für euch einmal aufgenommen:

Viele der Türken empfehlen uns auch die kostenlose Iftar-Mahlzeit in Anspruch zu nehmen, die vor Moscheen bei Sonnenuntergang ausgegeben wird. Diese ist nämlich aus Steuergeldern finanziert und viele Studierende nutzen die Gelegenheit für eine kostenlose Mahlzeit – ob sie fasten oder nicht. Wir nehmen das nie in Anspruch, weil wir es nicht fair finden, bis auf einmal, als wir bei Studierenden als Warmshowers-Gäste logieren und sie uns klarmachen, dass wir es uns einmal anschauen sollten.

Bereits eine Stunde vorher besetzt man dabei einen Sitzplatz, eine halbe Stunde vorher geht die Essensausgabe los. Es bildet sich eine lange Schlange und wenn man an der Reihe ist, bekommt man ein Tablet mit mehreren Vertiefungen. Helfer schöpfen Suppe, Reis, Fleisch darauf. Brot, Nachtisch und ein Wasser ist ebenfalls dabei. Dann warten alle vor den vollen Tellern. Mit dem Abendgebet geht der Schmaus los. Man bemerkt bereits gegen sieben Uhr die Spannung auf das Fastenbrechen und ab dann ist auch keine gute Zeit mehr um etwas essen zu gehen, weil alle Restaurants damit beschäftigt sind sich auf den Moment vorzubereiten, wenn das Restaurant voll ist und der Muezzin zum Abendgebet ruft. Deswegen versuchen wir uns anzupassen und ebenfalls nach dem Abendgebet zu essen, auch wenn es uns niemand übel nimmt, wenn wir es nicht schaffen. Aber es ist einfach schön zu sehen, wie die Straßen nach dem Iftar wieder lebendig werden, die Menschen flanieren und die Kühle der Nacht genießen.

Die Türkei in Zeiten des Ramazan ist also immernoch das gleiche, freundliche Land, nur wird die Geschwindigkeit ein wenig heruntergeschraubt. Ich finde den Gedanken auch wirklich bestechend sich weniger um seine Verdauung und mehr um innere Werte kümmern zu wollen. Nur das mit dem Wasser macht mich fertig, aber es wird verständlicher, wenn man auch leiden soll, um ein kleines bisschen nachvollziehen zu können, wie es anderen geht, wenn sie leiden. Und am Ende ist es eben die Entscheidung jedes Einzelnen, ob man es versuchen möchte und was man daraus herausziehen kann. Wir jedenfalls machen ab Georgien eine Ramazan-Pause, dort berühren wir wieder die orthodoxe Glaubensrichtung.